Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676639
lbktonik. 
lhchnisch 
Historisches. 
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lassen müssen. Mehr selbständig geworden, lernten sie nun die- 
selben Formen malerisch und bildnerisch nach Zweck und Laune 
ummodeln und phantastisch verwerthen, wobei die Rücksicht auf 
monumentale Ausführbarkeit nicht selbstverständlich in Be- 
tracht kam. 
Um dieselbe Zeit Wurden die früher nicht üblichen Altaraufsätze 
(retables) eingeführt, gewissermassen als Entschädigung für die 
den Künsten entfremdeten Wandflächen. Ein reichumrahlntes Pro- 
seenium, bestimmt auf seinem Getäfel in bildlicher Darstellung 
das heilige Drama der Messe wiederzugeben. Ein herrlicher Ge- 
danke, den die nun schon sich freier bewegenden Künste der 
Malerei und Skulptur um so lebhafter ergriffen, je mehr sie sich 
sonst in dem architektonischen Netzgewebe des Masswerks und 
Fensterbleies beengt und gefangen fühlten. 
Kanzeln, Sakranienthäuser, Portale, Orgeln, Lettner, Brunnen, 
selbst Kirchthiirme fallen nach und nach gleichfalls dem Maler 
und Bildhauer zu;  dabei wird dasjenige, was sie malerisch 
und bildnerisch in freiester Willkür, ohne Rücksicht auf monu- 
mentale Ausführbarkeit, aus den alten struktiven Elementen ge- 
macht hatten, nun wirklich in die Architektur aufgenommen und 
möglich gemacht. Das Gesetz selbst, in spitzfindigster Auslegung. 
leistet der wildesten Willkiihr Vorschub, das System, in seinem 
Alter witzig geworden, treibt mit seinem eigenen Wesen Humor! 
Und in dieser Verneinung des eigenen Wesens, wobei das 
Prinzip der Ordnung, die Architektur selbst, die Chorführerschaft 
des phantastischen Tanzes ergreift, nimmt das gothische System 
noch einmal, gegen das plötzliche Ende seiner Herrschaft, einen 
höchst genialen Aufschwung. 
Wo es sich nicht in dieser Selbstvernichtung einen glanzvollen, 
seiner einstigen Grösse würdigen und für alle Zeiten staunens- 
werthen, ächt künstlerischen Abschluss gab, dßrt War Sein minder 
glorreiches Ende ein Erstarren in Sehematismus und Langweiligkeit! 
Requiescat 
in 
Paße 
        

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