Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676551
Tektonik. 
Technisclm-Historisches. 
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lebenden Farbcntöncn ab auf dem ernst dunklen Hintergrunde 
des Holzes und spielt auf dessen dynamisches Wirken an. 
Die Tafeln XlX, XX der Tondrücke geben zwei Beispiele de- 
korativer Behandlung des Dachgesparres, wie sie in der frühgothi- 
schen Zeit sehr häufige Anwendung fand, aber sich nur in sehr sel- 
tenen Beispielen in ihrer Ursprünglichkeit und polychromen Voll- 
ständigkeit erhalten hat. 1 Es sind die Dachgespärre der Kirchen 
S. Zeno und S. Fermo e Rustica in Verona; die erstere war vielleicht 
nicht viel jünger als die Kirche selbst (11. Jahrh), sie zerfiel in 
Staub und wurde kurz nach der Aufnahme der mitgetheilten 
Zeichnung im Sommer 1835 abgetragen. Die zweite ist Wohl 
nicht älter als das 14. Jahrhundert, war aber ohne Zweifel be- 
stimmt, in ähnlicher Weise wie die erstere mit Sternen auf blauen 
Feldern dekorirt zu werden. 
Das Motiv ist eine Art von Tonnengewölbe, hervorgebracht 
durch kasettirtes an den Sparren und Kehlbalken des Daches 
aufgehängtes Getäfel, das zugleich die alte Tradition der Felder- 
decke festhält. 
Liegen hier wirklich nur hölzerne Surrogate einer aus struk- 
tiven Gründen oder Wegen ungenügender Mittel unausführbaren 
aber erstrebten Gewölbbedeckung der Kirchenschiffe vor, oder sind 
diese Formen unabhängig von derartigen imitatorischen Absichten, 
sind sie ganz anders begründet? Ich glaube das Letztere, denn 
wir wissen, dass schon die Alten die geschweiften Felder- 
decken (testudines) in Tabernakeln, Tablinen, Hallen und dergl. 
liebten; dem Wortlaute Vitruvs nachwar der Dachstuhl seiner 
Basilika zu Fano in gleicher Weise im Bogen verschalt. Es ent- 
sprach dieses System dem Principe der Alten, das künstliche Ge- 
füge der Struktur im Monumentalbau zu verhüllen, es nur im 
leichten beweglichen Gestell, im Möbelwesen, dekorativ zu ver- 
werthen. 
Doch mag der gothische Stil das überlieferte Motiv in seinem 
Sinne aufgenommen haben. Dieser gab gegen die Mitte des 12. 
Jahrhunderts in den nördlieheren Ländern, WO er vorherrschend 
wurde, das einfache antike System der Dachkonstruktion auf, 
1 Viollet Le Duc theilt in dem Artikel Charpente seines Dictionxxaire einige 
Beispiele derartiger charpentes apparentes mit, die aber alle ihres ilrsprüng- 
liehen dekorativen Schmuckes beraubt "sind und nur noch in derKonstruktion 
bestehen.
        

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