Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676231
'l'ektonik. 
'l'echnisch-Ilistorisches. 
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Dienste und Funktionen der Bestandtheile derselben zu versinn- 
liehen; die Form an sich hat mit Kunst nichts mehr gemein, diese 
bethätigt sich nur äusserlich, indem sie die scharfen Kanten 
abfast oder auskehlt, die Zwischenräume der Strukturtheile mit 
geschnitzten Brettern ausfüllt, oder etwa die unteren Ränder eines 
Querholzes mit durchbrochenem Leistenwerk verbrämt. 1 
Wenn somit das hier verwaltende Prinzip gewiss nicht ohne 
Grund getadelt wird, so darf von der andern Seite um so bereit- 
williger anerkannt werden wie jene mittelalterlichen Meister der 
Holzschnitzerei ihren Stil als solchen trefflich trafen, nämlich inner- 
halb der einmal genommenen Richtung; wie ihr Kiinstlersinn trotz 
der stofflichen und struktiven Fesseln, in welchen er sich bewegte, 
oft keeker schaltete als es ihm nach antiken Grundsätzen der 
Verbildlichung gestattet gewesen wäre. 
Dies gilt vornehmlich von dem profanen Hausrathe des 
(gothischen) Mittelalters, von dem sich leider nicht gar Vieles er- 
halten hat. Der Leser, der über das Gesagte an Darstellungen 
solcher mittelalterlichen Geräthe sich eine eigene Anschauung zu 
verschaffen wünscht, wird diesfalls auf die oben aufgeführten 
Sammelwerke, vornehmlich aber auf das mit vortrefflichen Holz- 
schnitten illustrirte Buch von Viollet Le Due hingewiesen. 
Gothischer Kirchenhausrath. 
Das Holzschnitzwerk tritt auch in der Kirche an die Stelle 
der byzantinischen Werke der Empaistik und ihrer Nachahmungen 
in Stein. Zwar umgibt sich das Gerüst des kirchlichen Hausraths 
in Folge seiner Abhängigkeit von dem hierarchischen System der 
gothischen Bauweise, das hier im Bereiche der Kirche selbst seine 
ganze Strenge entwickelt, mit einer reichen architektonischen 
Ausstattung, gewinnt es monumentalen Ausdruck; aber dem Prin- 
gothischen Baukunst zwar häufig, aber nach ganz anderer mehr äusserlicher 
Verbildlichung. 
1 Ein Rückschritt in dieser Beziehung ist unverkennbar wenn man den 
ältesten mittelalterlichen Hausrath mit dem der späteren Jahrhunderte ver- 
gleißht- S0 Z- B- trägt jener alte skandinavische Kirchenstuhl noch ein ge- 
wisses organisches Leben und eine Art Komfort in der leisen Sehweifung der 
vorderen Ständer und der Rückenständer, sowie in der Aushöhlung der Arm- 
stützen zur Schau. Derartige Lebenszeichen geben gothische Möbel selten 
von sich.
        

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