Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1675553
Tektonik. 
Allgemein-Formelles. 
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entwickelten, für sich allein unpassend. Auch solche, die von der 
Mitte ausgehen und nach beiden Enden auswärts laufen , wür- 
den nicht Hinweis auf die Spannkraft des Riegels, sondern viel- 
mehr umgekehrt Ausdruck des Zuges sein, den die Schenkel 
vollführen und daher nicht befriedigen. 
Gleiche Rücksiehten sind auch hinsichtlich der formalen Bil- 
dung und Ornamentation der steigenden Rahmenstüeke zu 
beobachten. Laufende Ornamente müssen nothwendig von den 
beiden Ecken aus aufwärts steigen, in der Spitze des F astigiums 
gipfeln. 
Noch geeigneter sind hier straffe steigende Motive, wenn es 
gelingt, sie mit dem Uebrigen in Einklang zu setzen. Beispiele 
das Stabwerk der gothischen Giebel; die Chevrons an den 
steigenden Construktionstheilen gemalter Daehstühle. (Kathedrale 
von Messina, Kirche St. Miniato bei Florenz und andere. Vergl. 
die Farbendrücke Tab. XVII und Tab. XVIII.) 
Bedarf es einer inneren konstruktiven Verstärkung des Dreieck- 
verbandes, so sind die Theile des Systemes, wenn sie sichtbar 
bleiben und künstlerische Geltung erhalten sollen, nach gleichen 
Grundsätzen zu behandeln. Diese sind für alle gedenk- 
barcn Stile der Baukunst die gleichen und allgemein 
gültig.  
Es wväre z. B. geschmaekswidrig, eine Hängesäule und einen 
Ständer übcreins zu behandeln, denn jene zieht, dieser stützt, 
obschon beide das Gemeinsame des Aufreehten haben, denn 
alles muss sich dem Beschauer in gewissem Sinne als Aufge- 
richtet darstellen. (Vergl. darüber Band I,  lÜ und das hier 
zunächst Folgende.) 
Die Hängesäule sei gleichsam Personifikation und Reprä- 
sentantin der absoluten Festigkeit und elastischen Resistenz, 
die stehende Stuhlsiiule der rückwirkenden Festigkeit 
und Spannkraft. Jene sind wir im Sinne geneigt als passive 
Kraft Zu betrachten, diese als aktive. Man übertrage da- 
h er die struktive Thätigkeit symbolisch auf das Ange- 
hängte und eharakterisire es als sich Anhängendes, 
mente haben, die sich dann gegenseitig aufwiegen und ein dynamisches Gleich- 
gewicht veranschaulichen. Dieses Ornamentationssystem ist auf ältesten Bronze- 
arheiten, Töpfen und Geräthexl, auch in der vorhellenischen (heroischen) Archi- 
tektur vorherrschend (Schatzhaus des Atreus), wie noch jetzt in Indien.
        

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