Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1675421
206 
Hauptstück. 
Sechstes 
die der Glasfabrikation mehr eigenthümlich angehören als andere. 
Die Einziehungen des Durchmessers der Vase können verviel- 
fältigt werden, ohne dass der formgebende pneumatische Druck 
von Innen in seiner 'l'hatigkeit dadurch gestört wird, wogegen 
der Töpfer aus leicht erklärlichen Gründen auf derartige Verenge- 
rungen der Form verzichten muss. Es fallen daher eingekerbte Ge- 
fässformen, wie sie die Natur bisweilen hervorbringt, z. B. an den 
Kürbissen, in den Bereich der Glastöpferei, um so mehr da durch 
äusseren Druck und einfache Drehungen des zu bildenden Glases 
diese Einkerbungen sehr leicht ausführbar sind. 
Der Rotationsprocess in der Töpferei begünstigt den ring- 
förmigen Schmuck und die Eintheilung der Gefässoberflächen in 
horizontale parallele Zonen. Dagegen sind der Blaseprozess, 
Wobei immer eine Hauptrichtung des Luftdruckes nach der Axe 
der Pfeife und eine Verlängerung der Glasblase in diesem Sinne 
entsteht, und der Streckprozess, der bei der Glasmacherei so 
thätig mitwirkt, im Widersprüche damit;  vielmehr begünstigen 
sie die Eintheilung der Gefässwände in Kompartimente, Streifen, 
Riefen und dergl., die sich von oben nach unten entwickeln und 
in der Basis konzentrisch zusammenlaufen, wozu noch die spira- 
lische Drehung dieser Motive, ein dem Glasmacher sehr bequemer 
Handgriff, als bereicherndes dekoratives Mittel hinzutritt. 1 
Die Centri fugalkraft ist in der Töpferei als formgebendes 
Moment nothwendig, jeder edelgeformte Topf wird ein Aus- 
druck dieser Schwungkraft sein. In der Glasblasekunst ist sie 
kein nothwendiges, aber unter Blällen, wo sie in Thätigkeit 
gesetzt wird, ein viel kräftigeres Moment der Formgebung, 
aus Gründen, die ich nur anzudeuten brauche. Durch sie werden 
auch die flachen schalenförmigen Gefasse für das Gebiet der 
Glasbereitung erworben, durch sie gewinnt letztere eine solche 
Bereicherung an wundervollen technisch-formalen ihr aussehliess- 
lich angehörigen Mitteln, dass sie dadurch beinahe auf die Spitze 
der Keramik gehoben wird. 
Gebläse und Schwungkraft sind so zu sagen innerliche Mittel 
der Gestaltung, welche ohne die Hand des Modelleurs zu der 
Vollendung eines Glasgebildcs nicht genügen. Aber das erweichte 
1 Die kleine geriefte und plattgedrückte Flasche (unter 16) ist, wie alle 
auf Tab. XVI dargestellten Gegenstände, aus der Sammlung des antiq. Ver- 
eins zu Zürich und mag hier als erläuterndes Beispiel dienen.
        

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