Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1675325
196 
Sechstes 
Hauptstück. 
Gläser nicht bezweifeln, und wenn die zahlreich gefundenen 
Scherben von Prachtgefässen aus schönstem weissem durchsichti- 
gem Glase innerlich mit dem Rade fast alle mattgeschliden, wo 
nicht gar mit einem Anflug undurchsichtigen Milchglases befangen 
sind, l so muss uns diese fast allgemeine Wahrnehmung davon über- 
zeugen, dass die Alten an der vollkommenen und allgemeinen Durch- 
sichtigkeit der Glasgefässe keinen Gefallen hatten. Dieses uns nur 
halb verständliche Stilgefühl der Alten führte sie vielleicht dahin 
auch die ächten Krystallvasen in ähnlicher Weise zu blenden. 
Die Thatsache, dass das Absolut-Durchsichtige eigentlich form- 
los erscheint, mag der Grund dieser antiken Beschränkung der 
genannten Eigenschaft des Glases und durchsichtiger Edelsteine 
sein. Denn auch die Ajourfassung und die lilacettirung der Edel- 
steine war den Alten unbekannt, oder widersprach vielmehr ihrem 
Geschmacke. Vollkommene Berechtigung hat dieses antike Stilge- 
fühl auch für uns, wo es sich um erhabene Arbeit oder gar um 
Bildhauerwerk aus durchsichtigem Stoffe handelt, der eine natur- 
wahre Wirkung der vorspringenden und zurücktretenden Theile 
gar nicht zulässt, vielmehr alle Wirkung zerstört, weil durch Ver- 
dünnung der Masse hervorgebrachte Tiefen, die im Schatten liegen 
sollten, am hellsten erscheinen müssen und umgekehrt. Was 
unsere Sinne nur an Glasbildwerken beleidigt, das war tiir den 
feineren Kunstsinn der Alten beijeder beliebigen Formgebung 
störend.  
Helle durchsichtige Plastik aus Glasmasse findet sich daher 
auf alten Gefässen selten und nur als Nebenwerk, 2 gemmenartige 
Embleme, Tropfen und dergL, als Attachen der Henkel oder sonst 
an passenden Stellen aufgelöthet. Sonst-ist das Gewöhnliche die 
erhabene Arbeit aus heller opaker Kruste über dunklem, durch- 
sichtigem Grunde. Ein Verfahren, das die schönsten und be. 
berühmtesten antiken Glasgefässe zeigen. 3 Auch Schliff man mit- 
1 Vergl. Tab. XVI der Tondriicke, die mit 3, 41 5 bezeichnete!) Bruch- 
stücke aus der Sammlung des antiq. Vereins zu Zürich. 
2 Auf durchsichtigem Grunde auch nur bei ordinairer Glaswaare. 
3 Ausser der vielleicht zu sehr gerühmten Portlandvase (aus braunem 
durchsichtigem Glase mit opaker weisser Decke, woraus die Fabel des Theseus 
und der Thetis herausgeschnitten ist), gehören dahin die im Jahre 1834 im 
Hause des Fauns zu Pompeji gefundene Glaskanne mit Laubwerk aus weisser 
Masse auf blauem Grunde und unzählige Bruchstücke ähnlicher Gefäße und 
Wandtafeln. Die grösste und sphünste (10 Zoll Ü) im Vatikan.
        

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