Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1675308
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Sechstes Hauptstück. 
wahre Muster der Eleganz und des Stils, gegenüber den plumpen 
imodernen Glaschleifereien aus schwerfalligem Bleiglas. 1 
Das Vaterland der modernen geschliffenen Waare ist Böhmen, 
wo sie seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts gemacht wird. Ge- 
schickte Steinsehneider wurden aus Italien und Deutschland be- 
rufen, die in diesem Glase 2 die dünnen und zierlichen Bergkrystall- 
Vasen nachahmten. Manche dieser älteren Glaskrystalle, mit rei- 
chen Intaglios geziert, sind meisterhaft komponirt, gezeichnet 
und ausgeführt. Sie gehören sämmtlich dem kecken waghal- 
sigen Glasstile an, der erst in neuester Zeit von England aus 
dem kompakten Platz machen musste. 3 Dieser mag prakti- 
scher sein (was noch zu beweisen ist), aber er steht in formaler 
Durchbildung bis jetzt hinter allein, was jemals aus Glas oder 
sonst aus harten Stoffen-geschnitten ward, weit zurück. Das Fa- 
cettiren und die Polygonbildungen sind die hauptsächlichsten deko- 
rativen Hülfsmittel des englischen Glasstiles. 
Wie Eleganz und dekorativer Reichthum mit kompakter acht 
lapidarischer Gestaltung vereinbar sind, darüber gehen die ge- 
schliffenen Erdwaaren und noch weit lauter sprechend die gewal- 
tigen Granitkolosse, ja selbst die Monumente, Aegyptens die beste 
Auskunft. 
Der 
Glasguss. 
Schon die Aegypter gossen aus durchsichtigem gefärbtem Glase 
Skarabäen, Glaskugeln, Amulette und Figurinen. Minutoli besass 
unter anderen derartigen Gegenständen in seiner Sammlung ein 
Amulet von blauem durchsichtigem Glase. 4 Auch diente dieses Ver- 
1 Man hat die Bekanntschaft. der Alten mit den stagnolbelegten Glasspie- 
geln in Zweifel gezogen, da doch dergl. an sehr alten ägyptischen Statuen 
schon vorkommen (Mus. von 'I'urin). Der sogenannte Spiegel des Virgil, aus 
Flintglas, mit der Hälfte seines Gewichts an Bleioxydgehalt, war Theil (leg 
Schatzes von St. Denis, und zwar seit der Gründung des letztern, zu einer 
Zeit, wie die Spiegelfabrikation schon lange nicht mehr betrieben wurde. 
3 Das böhmische Glas ist von ausgezeichneter Reinheit und merkwürdig 
durch sein geringes spezifisches Gewicht. Es besteht aus 100 Theilen Quarz, 
10 Theilen Kalk und 30 Theileix kohlensaurer Potasche, ohne Bleigehalt. 
3 Die dunkle 'I'radition des alten Stils hat sich noch immer einigermassen 
erhalten, was der böhmischen Glaswaare ihren Reiz sichert; man sollte sie 
rein halten und pflegen, statt fremde Grundsätze damit zu vermischen. 
4 Minutoli S. 8.
        

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