Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1675289
192 
Sechstes 
Hauptstück. 
des ganzen Mittelalters nicht geübt worden war (nur in Byzanz 
hatte sich diese antike Technik noch kümmerlich erhalten), wurde 
sie im Anfang des 15. Jahrhunderts zuerst in Italien wieder aus 
der Vergessenheit hervorgerufen, wo man von den aus Konstanti- 
nopel flüchtigen Steinschneidern das Technische dieser Kunst wie- 
der erlernt hatte. 
Man suchte von Neuem nach den kostbaren Gemmen, um 
Vasen und Geräthe daraus zu schneiden, die grössten Künstler 
in der Glyptik (Domenico de' Camei, Francia, Caradosso, Jacobo 
Caraglio, Anichini von Ferrara, und besonders Valerio Vicentino) 
betheiligten sich bei dieser kostspieligsten und rafiinirtesten Art 
der Gefasskunst, an Welcher der Goldschmied den nächst bedeu- 
tenden Antheil hatte. 
Der herrschende Modestoff für diese Gemmenvasen, in dem 
jene Meister am liebsten arbeiteten, war der Bergkrystall, den 
man sich damals, ich Weiss nicht woher, in unglaublich grossen 
Stücken zu verschaffen wusste, und zu allerlei mitunter sehr ge- 
wagten und freien Formen umgestaltete, wobei mehr die ätherische 
Scheinstoflosigkeit des dichten Krystalls als dessen Härte und Zer- 
brechlichkeit als massgebende Momente des Stils gedient zu haben 
scheinen. 1 
Aber dafür bleibt wieder ganz im Gegensatz zu der antiken 
Vasenglyptik das Ornament (Bach vertieftes mattes zuweilen ver- 
goldetes Intaglio) innerhalb der Schranken des strengsten Pietra- 
durastils, ist es sozusagen aus dem Steine und dem Schleifrade 
herausgewachsen, in jenen schwunghaften und gedehnten Wellen- 
linien, mit jenem Duktus, den das Rad gleichsam von selbst läuft. 
Man möchte behaupten, ein Theil der Charakteristik des so eigen- 
thümlieh feinen und doch wirkungsreiehen Akanthus der Renais- 
sance finde erst seinen Schlüssel in dieser Pietra dura- Skulptur 
und in der gleichzeitigen Toreutik auf Waffen und Goldschmieds- 
arbeiten. 2 Das Gleiche gilt von der Skulptur der Renaissance 
l Valerio Vicentino, der wahre Krystallkiinstler der Renaissance, machte 
für Clemens VII. eine Menge von reich skulptirten Vasen, deren viele zer- 
streut, mehrere noch jetzt in Florenz sind. Das grüne Gewölbe zu Dresden. 
der Louvre, der kaiserliche Schatz in Wien, die Kunstkammer zu Berlin und 
die Schatzkammer zu München sind reich an derartigen Werken. 
2 Ich habe für das Dresdener Theater und für Privatbauteu geschlilferue 
farbige Fensterscheiben angewandt und das Ornament dem Schleifer möglichst
        

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