Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673445
Fünftes 
Hauptstück. 
Derartige Naturmotive wurden theils materiell benützt, theils 
dienten sie als frühe Vorbilder für zweckverwandte Geräthe, 
obschon der Mensch ihrer kaum bedarf, da ein instinktiver Im- 
puls ihn bereits auf früher Kunststufe, und grade auf dieser am 
sichersten, zu der Wahl des Zweckangemessenen hinleitet. 
Bei genauer Erwägung zeigt sich kein einziges durch Men- 
schenhand geschaifenes Gefäss als ein reines, ungemischtes, son- 
dern sie sind sämmtlich der Art dass sie mehrere Motive, mei- 
stens sogar alle vier obengenannten, in sich vereinigen; wird doch 
schon das natürliche Ei, das der Mensch sich zum Essen zu- 
bereitet, unter der Hand desselben ein Gefäss das wenigstens 
die drei Funktionen des Fasses, des Trichters und des Ausgusses 
vertritt; die gemachte Oeffnung und die Abplattung des un- 
tern Theiles durch einen leichten Druck auf den Tisch reichen 
hin um das Ei aus seiner absoluten Indifferenz herauszureissen 
und es als Gefäss mit dem Menschen in Beziehung zu setzen.  
Wenn es somit keine reinen ungemischten Gefässformen gibt, 
so ist dennoch in den meisten Fällen eins der angeführten Mo- 
tive das vorherrschende, oder wenn zwei von ihnen in gleicher 
Stärke hervortreten, so verschwinden dafür in gleichem Verhält- 
niss andere. Zum Beispiel ist jeder Löffel zugleich ein kleines 
Reservoir, aber die Funktionen des Schöpfens und Ausgiessens 
sind doch bei ihm vorherrschend und formenbestimmend. 
Zu diesen fundamentalen Grundmotiven der Gestaltung kom- 
men nooh drei andere als accessorische hinzu: nämlich 
1) das F ussgestell (der Stand); 
2) die Handhabe (der Henkel); 
3) der Deckel oder unter Umständen der Pfropf. 
Durch die Verbindung dieser drei accessorischen Bestandtheile 
des Gefässes mit den vier Grundformen werden diese eigentlich 
erst zu gegliederten Organismen erhoben, an denen sich die 
Mannigfaltigkeit durch das Kunstschöne zu zwecklicher und 
gleichzeitig formeller Einheit gestalten mag. 
So wichtig jedoch diese Extremitäten für den Stil in der 
Vasenkunst sein mögen, so können wir sie dennoch bei der 
Klassifikation der Gefässe nicht als Gattungsunterscheidungs- 
zeichen gelten lassen, sondern beabsichtigen wir diese nur nach 
den früher genannten vier zwecklichen Fundamentalverschieden- 
heiten der Gestaltung zu gruppiren.
        

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