Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1674765
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Sechstes 
Hauptätück. 
Hellenischer 
Stil. 
Ich begreife darunter die gesammte oligochrome Töpferei 
aus den Zeiten des WVachsthums, der Blüthe und des Verfalls 
griechischer Bildung, bis zu den Römern, die ihrer Herrschaft auch 
durch die Künste Ausdruck geben und überall, wohin sich ihre 
Allmacht ausdehnt, mit überraschender Schnelligkeit mit dem 
römischen Baustile auch den römischen Topfstil zu dem herr- 
schenden machen. Aber ich schliesse davon aus. die poly- 
chrome Keramik der Griechen, obschon auch sie in diesen Zeit 
raum fällt und zwar in den wahren Blüthepunkt der Künste. 
Wie der allgemeine Charakter des griech. Baustils vom 
unthätige Sein des Fabelthiers zuerst mit sich selbst in Zwiespalt geräth (als 
Monstrum heterogener Zusammensetzung); dann mit seines Gleichen und an. 
dem Bestien ; dann mit dem Menschen, der die Bestie zuerst ruhig schlachtet, 
ein zweckloses Morden (denn der asiatisch-mystische Sinn des Symbols war 
verloren gegangen); dann Jagd ohne Bezug auf bestimmte Begebenheiten; dann 
Meleager oder Herkules im Kampfe mit der Bestialität, als Kulturträger: dann 
Kentaurenkämpfe; zuletzt Schlachten und Zweikämpfe nur zwischen Männern. Der 
Gegensatz: Hellenenthum und Barbarenthuni entwickelt sich; die Schlacht wiithet 
vor Trojas Mauern. Nun erst bekommen die anfänglich namenlosen Kämpfer 
Eigennamen, werden sie durch Ueberschriften als bestimmte Nationalhelden, als 
heroische Personen bezeichnet. Wie der asiatisch-traditiozielle, rein dekora- 
tive, Thierfries vorher in ganz allgemein und unbestimmt gedachterTliiei-hatze 
zur Handlung wird, dann erst den Ausdruck eines bestimmten Abenteuers 
annimmt. etwa eine verhängnissvolle Jagd des Meleager darstellt, ebenso wird 
das anfänglich allgemeine Bild eines Männerkampfes zur Darstellung eines 
berühmten Ereignisses. In dem Zweikampfe des Achilles gegen Memnon 
"lokalisirt" sich der allgemeine Krieg aller gegen alle, als Kampf zivischen 
Westen und Osten, als Hellenenthum gegen Barbarenthum. Asiatische Grauen- 
gestalten, Gorgonen mit Flügeln und ausgestreckten Zungen, thieriviirgende 
Unholde,. werden aus der Ueberlieferung in das Kämpferbild hineingetragen, 
zuerst als miissige lüguranten. ohne Kampfesbetheiligung, sodann als theilneh- 
mende mitthätige Mächte, gleichsam Sekundanten der kämpfenden Heroen, 
zuletzt als Schutzgötter. in edler hellenischer Umgestaltung (Mus. Borb. 
21, T. 56. Mon. ined. III. Gerhard Vasenb. passim). Kurz, bei den Anfängen 
der hellenischen Kunst sind Handlung und Gedanke untergelegt, dienen 
sie, um eine bereits vorhandene, aber erstarrte und der Bedeutung entbehrende 
Form neu zu beleben, Und dieses Verhalten ist ein wichtiges Moment für 
das Erfassen des hellenischen Wesens im Allgemeinen. 
„Man sagt, Homer habe die griechischen Götter" erfunden; das ist nicht 
wahr, sie existirten schon vorher in bestimmten Umrissen, aber er erfand ihre 
Geschichten." (H. Heine.)
        

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