Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Appiani [i. e. Andreas] - Domenico del Barbiere
Person:
Meyer, Julius Schmidt, Wilhelm Lücke, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1600064
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1606205
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Baccio Baldini. 
Beziehung zur Früh-Renaissance ist das Werk 
von vorzüglichem Interesse. 
Von welchem Meister diese Bll. gestochen 
sind, darüber herrscht, wie schon in der Einlei- 
tung bemerkt wurde, eine große Verschiedenheit 
der Meinungen. Die älteren Kunsthistoriker 
erklärten sie unbedenklich für Werke von Fini- 
guerra und Mantegna. Zani wagt nicht einen 
speziellen Künstler als Autor zu bezeichnen, ist 
aber der Ansicht, dass sie von einem Stecher 
der venezianischen oder paduanischen Schule 
herrühren, wobei er sich auf den venezianischen 
Dialekt in den Unterschriften einzelner Bll. be- 
ruft. Harzen gibt sie dem Marco Zoppo aus 
Bologna, Mantegna's Mitschüler im Atelier des 
Francesco Squarcione. Ottley endlich schreibt sie 
dem Baldini zu, und Galichon theilt seine An- 
sieht. Das ungemein Anmutige und Elegante 
der bisweilen etwas manierirten , aber stets an- 
ziehenden Figuren, der Charakter der hübschen 
Frauengesichter und der würdigen Männerköpfe, 
die Vorliebe für Protilirung, die häufige Feinheit 
der Zeichnung in Händen und Füßen , der ge- 
schmackvolle Wurf der Gewänder sind unzwei- 
felhafte Kennzeichen ilorentinischer Kunst, Die 
Bll. sind vollkommen gleichmäßig ausgeführt, 
jedenfalls von einem und demselben Stecher. 
In der Komposition und Zeichnung machen sich 
jedoch Ungleichheiten bemerklich, die anneh- 
men lassen, dass die Vorbilder der Stiche von 
verschiedenen Händen herrühren. Die Vereini- 
gung der Bilderreihen in ein Ganzes wird man 
als das Werk des Stechers betrachten müssen, 
der die Zeichnungen dazu von verschiedenen 
Seiten hernahm und bei seiner Arbeit jedesmal 
das vorliegende geringere oder bessere Muster 
festhielt. In Rücksicht auf Technik haben diese, 
Bll. offenbar nahe Verwandtschaft mit den dem" 
B. herkömmlich zugeschriebenen Propheten und  
Sibyllen und den Goldschmiedverzierungen;  
auch hier die kalte, eintönige Schattirung mit 
engen Lagen feiner, in verschiedenen Winkeln 
gekreuzter Striche; aber der Stich hat zugleich, 
wenn auch nicht mehr Schwung und Wechsel, 
doch mehr Schärfe und Sicherheit des Vortrags, 
mehr Weichheit und Biegsamkeit der Zeichnung, 
die sich in einigen Blättern, namentlich in dem 
Engel des Prime Mobile (I, N0. 112] zu solcher 
Vortreitlichkeit steigert, dass sie unmittelbar an 
die ausgebildete Renaissancekunst hinanreicht. 
Die gelungensten Bll. sind daher wol aus späterer 
Zeit, als die Propheten und Goldschmiedverzie- 
rungen, etwaaus den Jahren 1490-1495. Frei- 
lich soll, nach der gewöhnlichen Annahme, Bal- 
dini damals nicht mehr thiitig gewesen sein; 
doch ist das ja nur Vermutung. 'Diese Stiche 
könnten ihm immer noch angehören; jedenfalls 
erinnert die schöne Zeichnung und Eriindung 
bei manchen auf's lebhafteste an Botticelli. 
Der Stecher arbeitete wol mehrere Jahre an 
diesem Werke, und liess vielleicht von einzelnen 
Platten oder Bilderreihen Abdrücke erscheinen, 
bevor er sie alle vereinigt herausgab. Jedes B1. 
führt im Unterrande links den Buchstaben, der 
seine Reihe bezeichnet (a, n, o, n, a], in der 
Mitte den Namen der dargestellten Figur, sowie 
eine römische Ziifer als Ordnungsnummer, und 
rechts die gleichbedeutende arabische Zahl. 
Eine geflochtene Bordüre, von der Art wie die 
Einfassung der Etruskischenßkarabäen, schliesst 
jedes B1. ein; jede Bordüre zeigt in den Ecken 
oben und unten ein Loch, das bei den Platten 
für Stifte, Nägel oder Schrauben zur Befestigung 
auf ein Bret oder sonstige Unterlage bestimmt 
war, um das Hin- und Herrutschen der Platte 
beim Arbeiten zu verhüten. Unrichtigerweise 
folgert man gewöhnlich aus dem Vorhandensein 
dieser Löcher, die Abdrücke seien mittelst des 
Reibers oder Gylinders hergestellt werden; sie 
wurden von der Presse abgezogen. Die Ein- 
drücke des Plattenrandes zeigen sich sehr stark 
und deutlich; freilich hatte es die Druckerkunst 
bei diesen Bll. noch nicht weit gebracht, doch 
sind sie besser und sauberer gedruckt, als die 
Kupfer zum Monte Sancto di Die und zum 
Dante. 
Mit Recht steht diese Kupferstichfolge sowol 
hinsichtlich ihrer Maunichfaltigkeit und Schön- 
heit, als wegen ihrer Altertümlichkeit und Sel- 
tenheit in hohem Wert. Sie ist vollständig mit 
allen ihren 50 Bll. kopirt in dem nur in wenigen 
Exemplaren gedruckten Werk: Jeux de carteg 
tarots et de cartes numerales du XIVme an 
XVIIImß siecle, reprösentes en 100 planches d'a- 
pres les originaux, publiäs par la Societe des 
Bibliophiles francais. Paris, 1844. F01. Ein- 
zelne Blätter triiTt man zuweilen in Privat- und 
öffentlichen Sammlungen, aber vollständige 
Exemplare sind nur in sehr geringer Anzahl 
übrig. Herr Galichon in Paris besitzt ein kom- 
plettes Prachtexemplar von frischestem Druck 
und treiflichster Erhaltung; es hat einen alten, 
aus der Zeit der Stiche stammenden Einband 
und ist in bläulicher Farbe abgedruckt. Da man 
beim Drucken die Platten nur unvollkommen ab- 
wischte und eine dünne Schicht der Druckfarbe 
übrig liess, so erhielt das Papier eine bläuliche 
Nüance, so dass man meint, Abdrücke von Ton- 
platten vor sich zu haben. In seiner Art ist die- 
ses Exemplar sicherlich ein Unicum. Es wurde 
in der Verst. Serati zu London, 1816, für 43Pfd. 
Sterling, in der Verst. Mark Sykes ebendaselbst, 
1824, für 78 Pfd. 5 ShiLl. verkauft; Herr G8,- 
liclion erwarb es 1860 für 10,000 Franken. Die 
Bll. des Exemplars in dem Kupferstichkabinet 
zu Paris haben einen 28 Mill. breiten Rand, und 
an den Haaren und Flügeln, Kleidersäumen und 
Gürteln der Figuren, so wie an den Gerätschaf- 
ten, Attributen, Waffen, Bäumen, Gebäuden und 
andern Gegenständen eine mit dem Pinsel fein 
aufgetragene Vergoldung, die man, wie ich glaube, 
nur bei Abdrückenv von bereits angegriffenen 
Platten anbrachte. Ob die Wiener und Ham- 
burger Exemplare in beiden Beziehungen dem 
Pariser gleichen, kann ich nicht sagen. 
Mehrere Kopien vom Ende des 15. und dem 
Anfang des 16. Jahrh. beweisen, dass diese 
Kupferstichfolge damals sehr beliebt war; sie 
sind zugleich ein Argument mehr, dass die Bll. 
nicht die Bestimmung eines Kartenspiels hatten. 
Bartsch erwähnt zwei Kopien. Bei einer Ver- 
gleichung ergibt sich aber, dass die von ihm 
unter den altitalienischen anonymen Kupfer- 
stichen (XIII. 131  138] beschriebene und 
für Kopie gehaltene Folge ein Original ist, wo- 
gegen das sogenannte Original bei Bartsch (XIII. 
120-131) für eine schlechte Kopie mit willkür- 
lichen, sehr missratenen Veränderungen erklärt 
werden muss. Die Stichart dieser Bll. zeigt nicht, 
wie Bartsch meint, den Charakter des Alterthüm- 

        

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