Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Appiani [i. e. Andreas] - Domenico del Barbiere
Person:
Meyer, Julius Schmidt, Wilhelm Lücke, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1600064
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1603117
Arnolfo di Oambio. 281 
 
der Bitte, dem Meister "Arnulfus vvon Florenz" 
die Rückkehr zu ihnen behufs dieser Arbeit zu 
gestatten. Entweder hatte er also schon an der- 
selben Theil genommen oder sein alter Meister, 
der ihn am liebsten zum Gehülfen wollte, hatte 
die Sache eingeleitet und mit ihm verabredet. 
Der König antwortete zustimmend, und zwar 
mit der Wendung, dass er seinem Geschäftsträ- 
ger in Rom den Auftrag gegeben habe, ihn zu 
entlassen. Er kam indessen nicht, wenigstens 
wird er in der weitläufigen Brunneninschrift bei 
der Anführung sämmtliehcr Mitarbeiter nicht ge- 
nannt, und scheint noch längere Zeit in Rom und 
im römischen Gebiet geblieben zu sein. In S. 
Domenico zu Orvicto ist von seiner Hand das 
unten näher zu erwähnende Grabmal des im 
J. 1280 verstorbenen Kardinals de Braye. In 
Rom wird ihm das um 1283 entstandene Taber- 
nakel des Hochaltares in S. Cecilia mit Wahr-- 
scheinlichkcit, das sehr viel größere und reichere 
in St. Paul vor den Mauern aber mit Gewissheit 
zugeschrieben, da er sich auf demselben als Ur- 
heber, mit Erwähnung eines sonst unbekannten 
Gehülfen Petrus und des J. 1285 insehriftlich 
nennt (Hoc opus feeit Arnolfus  cum suo soeio 
Petro). Bald darauf wird er sich in Florenz 
niedergelassen haben, wo er hauptsächlich als 
Baumeister auftrat und als solcher zu höchstem 
Ansehen und zu den großartigsten Aufgaben ge- 
langte.  
I. Arnolfo als Baumeister. 
Unter diesen ist zuerst die im J. 1294 be- 
gonnene gewaltige Klosterkirche S. Croce zu 
nennen. Die Franziskaner, welche zugleich mit 
den Dominikanern nach Florenz gekommen wa- 
ren (1221), erfreuten sich nicht so mächtiger 
Gönner und Freunde als diese, aber dafür eines 
um so größeren Zulaufs des Volkes. Als sie da- 
her, viel spiiter als jene, im J. 1'294 dazu gelang- 
ten, statt des kleinen alten Gebäudes, das man 
ihnen eingeräumt hatte, eine neue eigene Kirche 
anzulegen, musste diese sehr umfangreich, zu- 
gleich aber, dem Charakter des Ordens und den 
Mitteln entsprechend , möglichst sparsam ge- 
macht werden. Sie wandten sieh zu diesem 
Zwecke, da sie nicht so kunstreiche Ordensbrü- 
der besassen wie die Dominikaner, an den Laien 
Arnolfo, und hatten dabei das Glück, den geeig- 
netsten Mann erwählt zu haben, der ihre Gedan- 
ken mit unbeugsamer Folgerichtigkeit und siehe- 
rer Meisterschaft verwirklichte. Er gab dem 
Gebäude kolossale Verhältnisse, welche die der 
Dominikanerkirehe, S. Maria Novella, weit hin- 
ter sieh liessen, eine Länge von 371, eine Mit- 
telsehiifbreite, wie man sie selten findet, von 
60 Fuss, endlich eine höchst bedeutende Höhe.  
Zugleich aber reduzirte er alle Glieder auf das 
nothwendigste Maß, verzichtete auf jeden ent- 
behrliehen dekorativen Schmuck und erreichte 
gerade durch diese Einfachheit und durch die 
Schlankheit der Stützen (kaum 6 Fuss) eine um 
Ms y er , Künstler-Lexikon. H. 
lso stärkere Wirkung der riesigen Dimensionen. 
Der Stil ist der gothische, in dem Sinne, wie er 
an italienischen Klosterkirchen schon seit dem 
zweiten Viertel des 13. Jahrh. üblich war; auch 
der Plan folgt im Wesentlichen dem Herkommen 
der Mönchsorden; ein dreischiffiges Langhaus 
mit einem geräumigen Querschiife und einer die 
ganze Rückseite desselben einnehmenden Reihe 
kleiner, mit der Choröifnung in derselben Flucht 
liegender Kapellen. Zugleich aber enthält die 
ganze Anlage erhebliche Neuerungen, die ihre 
Wurzel besonders darin haben, dass das Mittel- 
schiff sehr viel breiter ist als sonst, nicht bloss 
die doppelte Breite der Seitenschiüe hat, son- 
dern noch fast die Hälfte mehr. Die Möglichkeit 
dieser Steigerung wurde dadurch erlangt, dass 
der Meister überall auf Gewölbe verzichtete und 
zu der altitalienischen Gewohnheit des offenen 
Dachstuhles zurückkelirte, wobei er aber, um die 
hohe Wand des Mittelschitfes zu sichern, in den 
Seitenschiden von der Wand zu den Pfeilern 
Bögen spannte und jedem Joch ein besonderes 
Dach mit eigenem Giebel gab. Die Pfeilerab- 
stände durften natürlich der gewaltigen Mittel- 
schiffbreite nicht gleichen, aber sie betragen 
doch fast zwei Drittel derselben (39 Fuss), so 
 dass die achteckig gebildeten Pfeiler sehr schlank 
{und die von ihnen aufsteigenden Scheidbögen 
 sehr weit gespannt erscheinen. Das überaus ein- 
fache, streng gebildete Blattwerk der Kapitale, 
dann die nur durch andere Farbe des Steins aus- 
gezeichnete Einrahrnung der Bögen und die 
gleichfarbige Lisene, welche von den Pfeilern 
nach oben aufsteigt, sind die einzigen Zierden 
des Baues, und selbst die Oberlichter sind nur 
schlichte spitzbogige Oetfnungen. Sehr eigen- 
thümlich ist dann aber, dass zwischen der Spitze 
der Scheidbögen und den Fenstern aus der Mauer 
ein Balkengang hervorspringt, der im Langhause 
eine horizontale Linie bildet, im Kreuzschiife 
aber wegen der höheren Spannung des Bogens 
mit einer Treppe aufwärts steigt. Der Zweck ist 
offenbar derselbe, welcher den Triforien der nor- 
dischen Gothik zum Grunde lag, den Zugang für 
die Untersuchung und Reparatur des Mauerwerks 
zu erleichtern, und es ist charakteristisch, dass 
Arnolfo , statt diesen Gedanken architektonisch 
auszubilden, ein nacktes Gerüst hineinlegte, das 
hier freilich in dem offenen Dachstuhle ein Ana- 
logon" fand. Eine andere Eigenthümlichkeit ist 
dann, dass die Chornische nicht die gewaltige 
Breite des Mittelschiifes hat, sondern erst mit 
zwei daneben liegenden Kapellen derselben ent- 
spricht, so dass man im Mittelschiife nicht bloss 
die hohe, polygonisch geschlossene Chornische 
mit ihren schlanken zweigetheilten Fenstern, 
sondern ein reicheres, belebtes architektonisches 
'Bild vor Augen hat, in welchem die kleinen und 
niedrigen Kapellen, über denen noch wieder je 
ein großes Fenster steht, den kühnen Aufschwung 
der Choröffnung erst recht bemerkbar machen. 
Die sehr geringen Dimensionen, welche für diese 
36
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.