Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Appiani [i. e. Andreas] - Domenico del Barbiere
Person:
Meyer, Julius Schmidt, Wilhelm Lücke, Hermann
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1600064
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1602023
172 Apelles. 
les als ein Künstler entgegen, welcher auf eine wol dem Phidias hinsichtlich der Grossartigkeit 
tüchtige und gründliche Durchbildung einen ho- der poetischen Konzeption und Tiefe der ethi- 
hen Werth legt. Wir erkennen, dass er nicht schen Auffassung als ein gleichberechtigter Geist; 
nur die Unterweisung und strenge Zucht der si- zur Seite, aber in der künstlerischen Vortrags- 
kyonischen Schule für seine Kunst zu verwer- weise gehört er noch so sehr den Anfangen der 
then verstand, sondern dass er in analoger Weise Malerei an, dass sich in gewissem Sinne behaup- 
wie Pausias, nur in etwas veränderter Richtung ten lässt, das Malerische sei ihm sogar noch völ- 
die von Pamphilos gelegten Grundlagen selbst- lig fremd gewesen. Wenigstens rechtfertigt sich 
ständig weiter entwickelte. Diese seine Rich- dadurch der Standpunkt des Plinius und der von 
tung äussert sich nicht nur auf dem Gebiete der ihm benutzten Quellen , welche die Geschichte 
Praxis, sondern er verschmähte auch nicht, seine nicht der zeichnenden Künste, sondern der Ma- 
neuen Erfahrungen und Erlindungcn, ndurch lerei im engeren Sinne eigentlich erst nach Po- 
welche er allein seine Kunst mehr als alle ande- lygnot beginnen lassen. Erst nach Apollodor, 
ren förderten, schriftlich darzulegen und theore- Zeuxis und Parrhasios wurde die neue Richtung 
tisch zu begründen. In diesem Zusammenhange angebahnt; aber so sehr dieselbe durch ihre Neu- 
darf auch an die Erzälungen erinnert werden, heit ihren Urhebern zu hohem Ruhme verhalf, 
welche auf persönliche Misshelligkeiten zwischen so konnte dieselbe doch nicht sofort abgeschlos- 
Apelles und Antiphilos hindeuten. Denn indem sen, sondern erst durch verschiedene Zwischen- 
es sich dabei um tiefere Gegensätze der künstle- stufen ihrerVollendung entgegengeführt werden 
rischen Eigenthümlichkeit handeln mochte , so Was nun für diese Durchbildung der Gesetze des 
etwa, dass die gepriesene Leichtigkeit des An- Malerischen namentlich von der sikyonischen 
tiphilos von dem gründlichen Apelles als Leicht- Schule, wenn auch nicht von ihr aussehliesslieh, 
fertig-keit getadelt wurde, erkennen wir, wie die geleistet wurde, das nahm Apelles in sich auf, 
Verbindung des Letzteren mit der sikyonischen das snnimcltc sich in ihm wie in einem Bi-cnn- 
Schule keine nur äusserliche und zufällige war, punkte und gelangte durch seine persönlichen 
sondern auf einer tief innerlichen Verwandtschaft Vorzüge ; ingenio et gratia zum Gipfel der Voll- 
in allen den Beziehungen beruhte, welche der endung; in Welcher Weise, das spricht er selbst 
technischen und wissenschaftlichen Seite der in ncinci- Beurtheilung des ihm in vieler Bezie- 
Knnsi. dem künstlerischen MnChWßPk ilIl Wei- hung geistesverwandten Protogenes aus. In Al- 
testen Sinne (Täxwl, als) nngshöisn- lem, sagte er, sei dieser ihm gleich, übertrcüe 
Bis hierher haben wir Apelles zwar als einen ihn Sogar; (10011 besitze s? selbst ihm gegenüber 
bedeutenden, aber doch noch keineswegs als den einen VOTZIIBI, dass 91' nämlich Verstehe, im 
unbedingt grössten unter den griechischen Ma- rechten Moment die Hand V011 der Arbeit abzu- 
lern kennen gelernt, in dessen Namen gewisser- Ziehen. Denn durch zu grosse und peinliche 
massen der ganze Ruhm seiner Kunst verkörpert Sorgfalt gehe eben jene Oharis verloren; besässe 
ist (vgl. Overbeck, Schriftquellen 1903-5). Um er auch diese noch, so würde seine Vortrefflicli- 
den Anspruch, den er selbst auf eine so hohe keit bis an den Himmel reichen: Plin. xxxv. S0; 
Stellung erhob, zu begründen, bleibt also als Plut. Demetr. 22; Aelian. var. hist. x11. 41. so 
ihm eigenthümlich zuletzt nur eine einzige Ei- beruht also nach Apelles" eigenem Urtheil jene 
genschaft übrig, eben jene Charis, oder wie sie Charis darauf, dass die höchste Vollendung des 
umfassender von Quintilian (x11. 10, 6) mit zwei llrlalerisehen nicht mehr erstrebt wird , sondern 
Worten bezeichnet wird: ingenium ct gratia. wirklich erreicht ist, dass im Moment der Voll- 
Während alles Uebrige mehr oder minder durch endung die Mühe der Arbeit verschwindet und 
eifriges Studium erworben war, bezeichnen diese das Werk wie ein mühelos gewordenes, als eine 
beiden Worte diejenige Gabe, welche ihm als in sich vollendete Schöpfung dasteht. 
freies Geschenk von der Natur verliehen, ihm Dennoch würde die blosse technische und m3,- 
angeboren war und welcher alle übrigen Vor- lerische Vollendung die hohe Bewunderung, 
zügc nur zu dienen die Aufgabe hatten. Das welche das Alterthum dem Apelles zollte, noch 
Wesen dieser Eigenschaft wird sich aber wcni- nicht genügend erklären, wenn sie nicht mit an- 
ger an sich, als nur relativ und annähernd be- deren höheren Eigenschaften gepaart gewesen 
stimmen lassen, wenn wir die bisher erkannte wäre. Gerade die Gegenüberstellung des Apcl- 
Eigenthümlichkeit des Künstlers im Verhältniss les und Polygnot könnte leicht zu der Annahme 
zu seiner historischen Stellung in der Malerei verleiten, dass in demselben Maße, wie bei Po- 
überhaupt in's Auge fassen. Die Entwickelung lygnot der geistige Gehalt die Form überragte, 
der Malerei hatte in der griechischen Kunst einen nun umgekehrt bei Apelles die Vollendung der 
wesentlich anderen Verlauf genommen, als die Form auf Kosten des Inhalts erreicht werden sci_ 
Bildhauerei. Während Wir in den Werken eines Und allerdings musste ja zugegeben werden, dass 
Phidias nicht nur die Erhabenheit der Ideen und unter den Gegenständen seiner Gemälde keiner 
die Vollendung der Form, jedes für sich betrach- auf Tiefe der religiösen oder poetischen Auffas- 
tet, sondern noch mehr die Verbindung dieser sung, der ethischen oder psychologischen Durch- 
Vorzüge zur höchsten Einheit bewundern, steht bildung, auf das Lob einer dramatisch bewegten, 
Polygnot in seinen grosscn Wandkompositionen scharf begrenzten Handlung Anspruch machen
        

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