Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1598897
Michel Angele Amerigi. 619 
Bellori bemerkte, dass der Meister vnur auf die Wie nach seinem Beispiele die jungen Künstler 
Fleischfarbe, auf die Haut, das Blut und die die Studien vernachlässigten, berichtet auch 
natürliche Oberfläche Geist, Auge und Fleiss Bellori; nJeder ündet leicht, fügt er hinzu, auf 
wandte und alle anderen Gedanken der Kunst Plätzen und Strassen seinen Meister und seine 
bei Seite liessu. Merkwürdig aber ist, wie in Vorbilder in der Nachahmung der Natura. 
Caravaggio doch wieder ein gewissermaßen Weitaus die Mehrzahl der Zeitgenossen em- 
ideales, ja einphantastisches Element zum Vor- pfand aber nicht diese Vernachlässigung der 
schein kommt. Durch die scharfen Kontraste hohen Bedingungen der Kunst, sondern nahm 
von Licht und Schatten, in welche er seine die Werke des Meisters, und nicht am wenigsten 
Figuren bringt, setzt er sie gleichsam ausserhalb die der zweiten Periode, mit lautem Beifall auf. 
der Wirklichkeit, wie in eine andere Welt, die Galt er doch Manchen , wie Scannelli berichtet, 
ihre eigenen, unheimlichen Gesetze der Beleuch- über Allen der Vortreiflichste. Die Leute aus 
tnng hat. Und gerade dies gibt seinen Bildern dem Volke, die nPopolanis, hatten ihre Freude 
jene besondere Wirkung, jenen Ausdruck düste- an der unverhülltcn Schilderung einer Welt, die 
rer und leidenschaftlicher Stimmung, der schon ihre eigene war, die gebildeteren Kreise an der 
auf die Zeitgenossen seine Macht aiisübte und kühnen Neuerung und an der aufregenden Wir- 
auch heute noch manchen Werken des Meisters knng, die durch den leidenschaftlichen Zug die- 
ein eigenes Interesse verleiht. ser Malerei dem überreizten Geschmack neue 
Uebrigens beruhte der grosse Einfluss, den er Genüsse bot. Um hohe Preise wurden selbst die 
auf seine Zeit hatte, nicht bloss darauf. Neben Kopf- und Brustbilder des Meisters gekauft, und 
den Bestrebungen der Caraeci, die gesunkene da sich seine sittenbildlichen Darstellungen ins- 
Kunst durch ein sorgfältiges und vergleichendes besondere für Private eigneten, drang die Vor- 
Stiidium der grossen Meister wieder zu heben, liebe für derlei Bilder in immer weitere Kreise. 
war es insbesondere die Rückkehr zur Natür- Daher hat diese Richtung nicht wenig zum Ver- 
lichkeit, wie sie Caravaggio vertrat, welche fall der monumentalen Kunst beigetragen. Es 
einem allgemeinen Bedürfnisse entgegenkam. liegt in der Natur der Sache, dass sie für die 
Dies, verbunden mit den grossen Wirkungen, Aufgaben der letzteren am wenigsten tauglich 
die er bisweilen erreichte, verschaffte ihm seine war, dagegen das Gefallen an den Schilderungen 
ungewöhnliche Bedeutung. Ihr konnten sich des Kleinlebens, wenn diese vorerst auch noch 
selbst manche Akademiker nicht entziehen, wie in historischem Maßstabe auftraten, immer mehr 
denn Guido Reni und Guercino zum Theil unter verbreitete. 
seinem Einfiusse standen. Später freilich, als Bald gingen Meister von namhafter Begabung 
sich der Gegensatz verschärfte und Caravaggic in den Spuren Caravaggids; sie trugen seine 
in seiner zweiten Manier bis zum Aeussersten zweite Kunstweise in verschiedene Städte und 
fortging, verwarfen die Caraecisten, denen nun Schulen über, nachdem er selbst in Neapel und 
die Partei der Caravaggeschi feindlich gegen- Sicilien ihr den Boden bereitet hatte. In Neapel 
über stand, den Meister durchaus. Annibale war es Spagnoletto, der mit grossem und ener- 
Caracci erkannte in ihm den schlimmsten Geg- gischein Talente seine Manier aufnahm und fort- 
ner seiner Bestrebungen; er hat ihn einmal dar- pflanzte, in Sicilien mit geringerem Geschick 
gestellt als haarigen Wilden, der einem auf Marie Minniti. Wie er in Rom auf Guido Reni 
der Schulter eines Zwerges sitzenden Papagei und Guercino wirkte, ist schon bemerkt. Zu 
Früchte darbietet, mit zwei Aüen auf den Knien seinen namhaften Schülern (im weiteren Sinne 
und einem anderen auf dem Nacken: deutliche des Wortes, denn eine eigentliche Schule bil- 
Anspielung auf das Abenteuerliche und das dete er nicht) gehören ausserdem Leonello Spada 
Hässliche in der Kunst seines Nebenbuhlers, so- Manfredi und Carlo Saraceno (weniger gekannt 
wie auf seine Arrnuth in der Erfindung und seine sind Tommaso Luini und Angele Carosselli); 
sklavische Nachahmung der Natur (das Bild ist unter seinem Einfluss standen mehr oder minder 
gegenwärtig im Museum zu Neapel). Franc. der Calabrese, Lanfranco, Salvator Rosa. Allein 
Albani nannte ihn geradezu den Ruin der Kunst. derselbe erstreckte sich weit über Italien hinaus ; 
Denn, so fügt Baglione hinzu , 9111111 gehen eine nach seinem Muster bildeten sich die Franzosen 
Menge junge,- Leute daran, einen Kopf nach der Valentin und Vouet, und von den nordischen 
Natur zu kopiren; sie studiren weder die Grund- Künstlern bekunden Honthorst und Gerh. Zeg- 
lagen der Zeichnung, noch kümmern sie sich um hers seine Einwirkung, Ja selbst Rubens, der 
die tieferen Bedingungen der Kunst, sondern be- nach 111m kOPITt hat v Wie m 3991111611 Velazquez- 
gnügen sich lediglich mit dem Kolorit; daher Man hat Caravaggioals Revolutionär in der 
wissen sie nicht einmal zwei Figuren gehörig zu Kunst, auch wol seine Richtung als demokratisch 
grnppiren, noch irgend einen Vorgang künstle- bezeichnet. Allein man kann ihn, wenn er auch 
Tisch darzugtenenrr, Das ist, beiläufig bemerkt, in Opposition zur Kunst seiner Zeit trat, die be- 
eine Beobachtung, die sich auch heutigen Tages wusste Absicht , eine Umwälzung hervorzubrin- 
wieder anstellen lässt, wie überhaupt die Gegen- gen, nicht zuschreiben , noch weniger die Ten- 
wart manche verwandte Züge mit den Bestre- deuz, den nvierten Stands zu Ehren zu bringen. 
bangen und den Einflüssen Caravaggids bietet. Zudem gab es damals keine politischen Bewe  
78'"
        

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