Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1598889
Miohel Angele Amerigi; 
nen, es sind derbe Gesellen des gewöhnlichsten als Gegenstand der Darstellung, sondern in ihrer 
Schlages, und die hl. Frau, welche vorn am Erscheiuungsweise geradezu als Vorbild für 
Lager auf dem Holzstuhle sitzt, ist eine Magd Alles, was er künstlerisch gestalten wollte. Er 
des niedersten Herkommens; was sie empfinden, verwarf rundweg das Muster der Antike, wie er 
drücken sie in der maßlosen, unschönen Weise das Studium Rafaefs und Michelangelds ver- 
vulgärer Naturen aus. Allein ihre Trauer hat das warf, und erklärte für seinen Lehrmeister die 
volle Gepräge der Wahrheit: es ist nichts Ge- alltäglichen Erscheinungen des Daseins. Daher 
machtes, Erzwungenes und Gekünsteltes darin. vermied er, insbesondere in seiner zweiten Pe- 
Und verstärkt wird nun noch diese Schilderung riode, erst recht was irgend wie eine Läuterung 
eines die Menschen durchwühlenden Schmerzes der Form aussehen konnte. Je mehr Runzeln 
durch das eigenthiimliche Licht, das schneidend sein Modell hatte, je ärger es von der Realität 
auf die Köpfe der Männer und auf den herabge- mitgenommen war und in seinen rauhen, kn0chi- 
beugten Nacken der Frau fällt. Es lässt sich gen Formen ihre harten Spuren zeigte, um so 
nicht läugnen, in diesen wuchtigen Figuren und mehr hatte er seine Freude daran. Und den ver- 
dem durch keine Rücksicht gebundenen Aus- witterten Köpfen von vulgärem Typus, den 
druck ihrer Empfindungen liegt eine gewisse schwieligen Händen, dem schweren Gliederbau 
Grösse, freilich mit einem starken Zusatz von musste der zerlumpte Anzug entsprechen. 
Wildheit und Rohheit, die aber doch ihre er- Kein Zweifel, zu diesem extremen Nattualis- 
greifende Wirkung auf den Beschauer nicht ver- mus hatte ihn auch der Trotz getrieben, sowie 
fehlt. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Grab- der wilde Uebermuth seines Wesens, das mit 
legung in der Galerie des Vatikans. Dazu kommt Anderen nichts gemein haben wollte und nur in 
die-Energie, Frische und Sicherheit der Behand- Kampf und Streit sich wol befand. Allein 
lungsweise und des Vortrags, welche das un- wesentlich wirkte hier eine Schranke seiner Be- 
mittelbare Ergebniss von des Meisters Anschau- gabung mit. Der Natur wollte er Alles verdan- 
ung sind und das Gegentheil von dem miihseligen ken, Nichts der Kunst, weil er in Wahrheit ohne 
Studium, womit die Oaraccisten auch die techni- Modell , ohne genauen Anschluss an die Natur 
sehe Seite der Malerei nach verschiedenen Mus- nichts machen konnte. i-So lange das Modell 
tern ausbildeten. seinen Augen entrückt wart, bemerkt schon 
Man hat zu verschiedenen Zeiten behauptet, Bellori, "blieben die Hände müssig und sein 
und auch jene Aeusserung Annibale Oaraccfs Geist". Dass 'i'alent der Erfindung fehlte ihm 
weist darauf hin, dass sieh C. auf die Zcich- gänzlich. Er wiederholt sich merkwürdig oft in 
nung, auf die Durchbildung der Form nur seinen Darstellungen; die wahrsagende Zigeu- 
massig verstanden habe. Allerdings, auf Läute- nerin findet sich noch jetzt wenigstens dreimal, 
rung und Veredlung der Form verstand er sich die Verleugnung Petri noch öfter. In seinen 
wirklich nicht (nicht bloss, dass er sie ver- Schilderungen aus dem Volksleben beschränkt 
schmähte); aber er hatte eine nicht gewöhnliche es sich fast immer auf Trinker, Spieler und Mu- 
Kenntniss des Körpers, und dass seine Figuren sizirende. Das letztere Motiv, zu dem er die 
mit Sicherheit bewegt, überall die wesentlichen erste Anregung wol von den Venezianern em- 
Gesetze des Baus beobachtet sind, das eben pfangen, zeigt sein Naturell noch von der er- 
trägt nicht wenig zu jener eindringenden Wir- freuliehsten Seite. Nimmt er seine Gegenstände 
kung bei. Es ist sogar in seiner Formgebung aus der Geschichte Christi und der Apostel, so 
bisweilen eine gewisse Grossartigkeit, indem er sind es die unheimlichen Szenen, auf die er mit 
gerade das Wesentliche in grossen Zügen her- Vorliebe zurück kommt. Weil es ihm an Erfin- 
vorhebt. Ja, wenn es der Gegenstand erfordert, dung gebrach, vermochte er daher auch schwer- 
was freilich bei ihm nur ausnahmsweise der lieh eineKomposition nach denRegelnder Kunst 
Fall, weiss er der Erscheinung Adel und Vor- zu entwerfen, selbst wenn er gewollt hätte. So 
nehmheit zu geben; wie seinem Bildnisse war er in jeder Beziehung an die Natur gebun- 
des Grossmeisters von Malta (im Louvre), das den. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als 
mit überraschendem Leben eine gewisse feier- die derben und gewöhnlichen Figuren zu kopi- 
liche Würde verbindet. ren, die er für ihre ächten und besten Vertreter 
Allein die Darstellung der vu]g-ären Menschen- hielt und aus leidenschaftlichem Trotz auch 
natur, der derben und rohen Kraft der unteren halten Wollte- 
Volksklassen war und blieb sein eigentliches S0 Wlrd alle dem Naturalismus und seiner be- 
Element. Er wurde zum Gegensatz owol gegen rechtigten Gegenwirkllng gegen eine verflachte 
die Manieristen als gegen die Akademiker ge- und entleerte videalec Manier ein einseitiger 
trieben, nicht bloss weil er ein Zurüekgehen auf Realismus, der die W116 Wirklichkeit Tlllr in der 
die blosse Natur alsberechtigt empfand, sondern gemeinen Sieht. daher das Hässliche in die 
weil er diese seinem individuellen Bedürfniss Kunst hßrßillnimmt und das Gegentheil von der 
wie seinem Talente nach für den wahren Gegen- künstlerischen Läuterung der Natur anstrebt. 
stand der Kunst hielt. Dass ihm als Natur die Damit stimmt ganz überein, dass er auch die 
niedere Realität des Menschenlebens galt, haben Oberfläche der Dinge als wesentlich ansieht und 
wir schon oben gesehen. Und zwar nicht bloss zumGegenstande derKunstmachmwiedennauch
        

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