Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1596922
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iäßllllmiiz, 
das äehte Künstlerische seiner Darstellung auch 
diese sinnliche Welt in das Ideale erhob. Vor 
Allem aber ist zu bedenken, dass er mit solchen 
Bildern nur vollzog, was in der Mal erei s elbst 
als ihr letztes Ziel lag. Indem diese Kunst 
 neben der Form der Dinge und dem Ausdruck 
der Seele  zugleich den sinnlichen Schein fest- 
hält, bringt sie in diesem nicht minder das In- 
nenleben des geschilderten Vorgangs zu Tage. 
Dann aber kann sie auch den Moment nicht aus- 
schliessen, wo die Seele in der Sinnlichkeit ganz 
aufgegangen und in der Steigerung derselben 
zur höchsten Kraft und Lust des Daseins mit ihr  
zusammentriift. Hier ist ja dieser sinnliche  
Schein  weit entfernt der blinde Ausdruck! 
eines rohen Triebes zu sein  vielmehr dessen 
Gegentheil: vergeistigt, vom inneren Leben 
durchdrungen und ebendesshalb zu seiner höch- 
sten Schönheit gesteigert. Eine Schönheit und 
Lust der Sinnlichkeit ohne Schuld und Reue; 
die Fabel von der Vertreibung aus dem Para- 
diese kennt sie nicht. In dieser Auffassung be- 
rührt sich Correggio ebenso mit der Antike, wie 
er sich von der christlichen Vorstellung ent- 
fernt; doch ist er nicht minder modern, indem 
er das volle Mitleben der Seele zum Ausdruck 
bringt. Zugleich erreicht hier die Malerei einel 
ihrer höchsten Wirkungen.  
Lebens 
ters. 
hindrängenden 
Richtung 
des 
Zeital- 
Hier auch zeigt sich am deutlichsten jene Ei- 
genschaft des Meisters, welche schon Kugler 
hervorgehoben (Geschichte der Malerei. 2. Ausg. 
11. S. 9) : die Fähigkeit des Ausdrucks gestei- 
gerter Empfindung, der tieferen Seelener- 
regung. Dies ist nicht so zu verstehen, wie wenn 
der Maler Gemiithsbewegungen schilderte, de- 
ren Prozess, seiner Natur nach innerlich, nur 
ahnungsvoll aus der Erscheinung hervorleuchte.  
Sondern was der Maler darstellt, ist gesteigertes 
Leben, dessen Inhalt vollständig in die Sinnlich- 
keit heraustritt, aber auch diese in tiefer Erre- 
gung erhält (eigcnthüiulieh spricht sich dies auch 
aus in der ausdrucksvollen Bewegtheit seiner 
Hände). Das ist wieder das Malerische: die Er- 
scheinung, in welcher der Inhalt sich nicht zu 
fester Form beruhigt hat, sondern auf dem 
schwebenden Uebergange aus der Seele in den; 
Körper beide in Fluss und Bewegung erhältÄ 
Man mag dies wol , wie Bilrckhardt gethan, be-, 
wegtes Leben in sinnlich reizender Form nen- 
nen; allein eben dies war fiir des Meisters An- 
schauung der Inhalt der Welt, soweit er sie zu 
schildern unternahm, und nichts ungerechter als 
ihm unterschieben, dass er gleichgültig jeglichen 
fremden "Inhalte als Siusserlichen Anlass fiir 
seine künstlerischen Zwecke ergriffen. Sondern 
in Allem, was er erfasste, fand er jene gestei- 
gerte Lebenslust, die ihren ivahren Ausdruck 
nur in jener Form fand. Die tiefe Berech- 
tigung einer solchen Auffassung lag SOWOl in 
der nothwendigeu Entwickelung, welche die 
Malerei genommen, als in der weltlichen, zur 
harmonischen Schönheit auch des äusseren 
Man sieht, wie die Eigenthiimlichkeit des 
Meisters in nahem Zusammenhange steht mit der 
Ausbildung des Malerischen, welche sich 
als eine bestimmte Entwickelung der modernen 
3Kunst in ihm vollzieht. Dass er von gewis- 
jscn architektonischen und plastischen Gesetzen 
sich IOSSäLgtG, welche bislang den Charakter 
der Malerei bestimmt hatten, ergab schon der 
Verlauf der Darstellung. Damit aber hat er 
nichts weiter gethan als der Malerei zu ihrem 
vollen Rechte verholfen, und nichts ist irrthiim- 
licher, als aus diesem Gesichtspunkte von ihm 
den Anfang des Kunstverfltlls abzuleiten. Aller- 
ldings ist jene Loslösung von den Gesetzen der 
architektonischen und plastischen Axiordnung, 
sofern sie die Grundlage der monumentalen 
Kunst bilden, dennoch ein Verlust. Der Zusam- 
menhang der drei Schwesterkiinste auch in dic- 
sem Sinne, dass jede gewisse Eigenschaften der 
beiden anderen in sich vereinigt, bezeichnet zu 
allen Zeiten jene Gesammtbliite der Kunst, 
welche in monumentalem Sinne die Ideale der 
lEpochen versinnlicht. Allein es liegt in der Na- 
tur der Malerei, dass gerade sie, an solchem 
Bande festgehalten, ihre höchste Blüte nicht er- 
reicht. Daher vollzieht sie jene Loslösungg gibt 
aber für die Kunst überhaupt Manches auf, in- 
dem sie für sich Vieles gewinnt. Nur in diesem 
Sinne lässt sich sagen, dass ihre Ankunft auf 
dem Gipfel zugleich der erste Schritt zum Herab- 
steigen sei. Denn unter jener Loslösung leidet 
bald auch sie selber. Auf jenem Höhepunkte 
aber, da sie eben ihre volle Selbständigkeit er- 
reicht, steht sie in dem glücklichen Augenblick 
ihrer Blüte, welche fiir jenen einzigcnlVel-lust 
monumentaler Feierlichkeit reichlichen Ersatz 
gewährt. 
 Correggio zuerst machte in Italien Ernst mit 
idem Prinzip, dass die Malerei auf der Fläche die 
volle Ausdehnung des Raums der Tiefe 
nach darzustellen habe. Zwar waren längst 
schon vor ihm die Regeln der perspektivischen 
Verkürzung, auch der Abtönung der Dinge in 
Licht und Luft ausgeübt worden. Allein letztere, 
die malerische Perspektive, hat erst Er zu ihren 
letzten Folgen ausgebildet. Zunächst bewog ihn 
die Darstellung der Formen unter den bestimm- 
ten Bedingungen ihres Seheinens in Licht und 
Luft zu einer anderen Anordnung und Gruppi- 
rung der Figuren, als vor ihm gebräuchlich ge- 
wesen. Bisher hatte man, auch wenn die Figu- 
ren der Tiefe zu vertheilt waren, sie doch nach 
einer gewissen Symmetrie, immer mehrere auf 
einem und demselben Plane angeordnet und so 
durch das Nebeneinander der (iruppirung div 
Vertiefung beschränkt. Dadurch konnte man de1' 
Komposition einen wol gemessenen Rythmllß 
der Linien geben, der mit der Festigkeit des ar- 
chitektonischen Baus noch Manches von dem 
schönen Fluss der plastischen Kunst hatte. Die"
        

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