Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1596594
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Antonio 
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dem Krampf der Hände und Füsse am Leichnam scheint, plötzlich in eine Wirklichkeit herab, die 
Jesu. Auch im Ausdruck der inneren Empfin- von kleiner und gcwöhnlichcrNatur nicht frei ist. 
dung ist hier nicht überall das rechte Maß gß- Auch dieser Realismus in der Darstellung des 
halten. Völlig preisgegeben erscheint die Wei- Schmerzes ist auf die spätere Kunst übergegan- 
nendc Magdalena zu Fiissen des Heilands ihrem gen Nicht bless auf die naturalistische Rich- 
Sßhlnßflß; übertrieben, Zßfwiiiiißnii, geradezu tung derselben, welche schon aus eigenem An- 
entstellend ist der Jammer auch in den Köpfen trieb auf die Ausbuduug dieser, Zuges sich ver- 
der beiden anderen zu Häupten des Heilands legte; eeuderrr euch auf die Manieristen und 
klagenden Gestalten (wovon die eine Johannes) die Akademiker, we1che neben der Schönheit 
niisäiiliiiigi- VQn Sßiliinniwiiknnä ist dagegen der Formen auch die Natürlichkeit des Aus- 
fiiC nilnniiiniitig iiinsinknniin Madonna, an (innen drueks sich zur Aufgabe setzten. 'I'hränen und 
Kniee der Leichnam des Sohnes gelehnt ist, er- ein wcincndes Frauengcsicht so natürlich als 
greifend der Kontrast dieses zurücktretenden uregueu und deeh Zugieieh ueei, uumuthrg der- 
Lebens, der schwindenden Seele, welche den zustellen, das galt ihnen für meisterhaft. Diese 
Leib Zn Vßiißnsnn Sßnnini, inii (iCY Viiiiigen Ent" im Grunde unmögliche Vereinigung meinten sie 
seelung der Gestalt Christi; auch der Ausdruck auch in Correggio, insbesondere in der Magda- 
des überstandenen Leidens im Kopfe des lctzte- lena der Pieta zu finden. Daherdas überschwäng- 
rcn edel und still. Im Mittclgrunde, wieder in iiche und schwülstige Leb, damit Sceimelli (Mi- 
reicher Landschaft, der Balken des Kreuzes mit ci-ccesmc, p_ 277) diese Figur, tdie anmuthig 
der Leiter, welche Joseph von Arimathia hcrab- Wßincntlßrr, deren klagende Stimme man zu hü- 
steigt. lllalerisch ist auch (lieScS Bild vollendet rcn glaube, überschüttet. Ihm zufolge soll auch 
und in dem leuchtenden Zusammenspiel der Giiei-eine (s den Ai-t Bei-biei-i), seiner Zeit einer 
TÖIIO, darin (llQ aufgchellten Schatten (liG lißll- der anggsghengtgn Meister, erklärt haben; ndißse 
ten_Stcllcn nur noch mehr hcrausheben, von nicht Magdalena, des Cei-reggic ist ein Wunder ohne 
giii'inänl'ßi' Wiiknng- S- VCYZ- n) NO- 9 und iii- Gleichen in der Kunst, und sie weint wahrhaftig 
Diese Kreuzabnahme zeigt deutlich, in wcl- ohne die geringste Entstellung des Gcsichtesa. 
chen Schranken Correggids Talent beschlossen In der Realität des die Seele erschütternden Aus- 
war. Die Hauptgruppe der Maria mit dem Hei- drucks haben diese Meister den grossen Vorgän- 
land, ergänzt durch die im Mittelgrunde ange- ger noch zu überbieten getrachtet; allein blieb 
deutete Szene, hinterlässt einen reinen und tic- ÜOYYGggiO Wenigstens innerhalb den Niiiiii, S9 
fcn Eindruck. Denn hier ist es nicht der Moment gingen Sie bis zur Verzerrung fort, die inne Wii" 
des höchsten Schmerzes selber, den der Maler kling iiin S0 nißiii Vnifeiiili, iiis Sie noch noch 
schildert, sondern die ergreifende, aber zurRuhe eine gewisse Anmuth der Formen festhalten 
zurückgekehrte Auflösung des Lebens, welche wollen und damit die baarste Nüchternheit der 
den Scelc und Leib erschütternden Kampf der Empfindung Vßriiiiiiien- 
Vernichtung hinter sich hat. Dieses Schwinden Während Corrcggio in S. Giovanni beschäftigt 
des Lebens, das dem heftigsten Leiden unmittel- war, führte er ausser jenen Bildern, wahrschein- 
bar wie siisse Erinattung folgt und den Körper lieh um das J. 1520, noch zwei kleinere Freske- 
in der letzten Bewegung der ausathmendcn gemälde aus. Das eine ist eine Verkündi- 
Scele zeigt  das hat Corrcggio ilicht minder gung, ursprünglich in einer Liinctte der alten 
Wahr und anziehend Zll Vßfßillniißiwn gCWllSSt, Kirche derAnnunziazionc (nicht in S. Francesco, 
als daS in Lust und FinndC Voll ninpfnniinnß LC- wie Vasari irrthiiinlich berichtet), späitenals diese 
bcn. Allein das Leiden in seiner ungebrochenen 1546 unter Pier Luigi Farnese zerstört wurde, 
Kraft, den schlagenden Moment der Vcrnich- um an ihrer Stelle ein Kastell zu erbauen, in die 
tung können seine Gestalten nicht ertragen. innere Vorhalle der neuen Kirche S. Annunziata 
Ueberwältigt werden sie vom Schmerzc und un- eingesetzt. Dort befindet sich das Bild heute 
tßrliegen ihm willenlos; ohne Widerstand trifft noch, aber in ziemlich schlimmem Zustande, da 
der Sturm diese reizvollen nur zum Lebensge- es, wahrscheinlich zu früh an der frischen Mauer 
nuss geschaffenen Wesen und bricht sie. Schon befestigt, durch Feuchtigkeit sehr gelitten hat. 
die Köpfe haben den grossen Schnitt nicht, der Fast ist nur noch die Komposition zu erkennen, 
Schmerz und Leiden überdauern kann. Und was während zu Tiraboschis Zeiten wenigstens der 
Sfmst den anmuthigcn Geschöpfen des Malers Kopf der llIaria noch gut erhalten war. Noch ist 
6111811 so zwingenden Zug giebt, ihre bis zur Ge- übrigens die wwuntlerbare Suhönheits, welche 
täenwart hcraustretende Natürlichkeit; gerade 'l'iraboschi ihm zuspricht, nicht ganz erloschen. 
dies schlägt hier zu ihrem Nachtheile aus. Der Der Erzengel scheint eben vom Igliimnel herab 
Darstellung eines üussersten Schmerzes weicht und aus einer Wolke der sich beugenden Ma- 
Correggio gerne aus; sobald er sie aber unter- donna entgegenzuschwcben; von sprcchcndem 
nimmt, treibt er (len Ausdruck bis zur realisti- Ausdruck sind das lichte Antlitz, der zum Reden 
Scheu Wahrheit, die selbst die Entstehung der geöffnete Mund und die vcrkündendc Gcberde. 
Fwmen nicht scheut. Und so steigt der Meister, Auf der Wolke wieder vier leicht bewegte Ge- 
ile!" eigentlich nur im Zauberreiche der Phanta- nien, wovon Einer mit der Lilie, während zwei 
Sie oder einer verklärten Sinnlichkeit heimisch andere im Schatten der Fittige des Erzengels ihr
        

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