Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1596206
im Reizenden, in der bewegten Anmuth, das Er- 
habene nur in der Form des gemilderten, freund- 
lich entgegenkommenden Ernstes. Auch das 
Grossc, das Strenge und Würdevolle musste 
diesem Charakter sich fügen, und wo es ihm all- 
zusehr widerstrebte, da in tierThat ist sein Aus- 
druck, den der Meister übrigens nur ausnahms- 
weise suchte, misslungen. Das Grosse lag über- 
baupt nicht in seinen Mitteln, noch in seiner 
Empfindung; so wenig wie jenes Ideal, das die 
Natur überschreitet. Er ist in dieser Beziehung 
das gerade Gegentheil von Michelangelo, mit 
dem er sonst viele verwandte Züge hat. Ihm 
fehlt die Grösse. Allein die Form, in welcher er 
das Leben zum Ausdruck bringt, ist von einer 
Vollendung und einem Zauber, deren Wirkung, 
für alle Zeiten eine um so grössere Macht hat, 
als diese Form an sieh eine Zieht menschliche! 
ächt natürliche ist und doch keineswegs der 
idealen Läuterung entbehrt. 
Dass Correggio einen Höhepunkt der Kunst 
bezeichnet, auch für solche Epochen, die nicht 
von seiner Anschauung beherrscht sind, das hat 
sieh in dem tiefen und nachhaltigen Interesse 
bewährt, damit unser Zeitalter seinem Leben 
und seinen Werken nachgeforscht hat. Seine 
eingreifende Wirksamkeit schien mit der Zopf- 
periode abgeschlossen; und doch hat gleich an 
ihrem Beginn die neue Zeit sich a1if's Eifrigste 
mit ihm beschäftigt. Erst seitdem auch ist die, 
Sagenhülle gefallen, die sich um sein stilles Da- 
sein gelegt hatte.  
Schon mit dem 18. Jahrh. beginnen die Ver-i 
suche, sein Leben aufzuklären. Die Bemühun-  
gen des schon gen. Pater Sebastiano Resta von 
Mailand vom Ende des 17. Jahrh. lassen sich 
dahin kaum rechnen, so sehr auch dieser darauf 
aus war, von allen Seiten Notizen über den Mei- 
ster zu sammeln und sein Gedäehtniss in jeder 
Beziehung wiederherzustellen. Sein Forschungs- 
eifer hatte zum Theil persönliche Beweggründe. 
Er hatte eine reichhaltige Sammlung von Zeich- 
nungen zusammengebracht, davon er einen gros- 
sen Theil für Arbeiten Correggids hielt, wäh- 
rend eine gute Anzahl derselben von anderer 
Hand nach Motiven des Meisters her-rührte; ja, 
nach einer Aussage des schon genannten Conte 
Rezzonieo (s. Campori, Lettere artistiehe, p. 281) 
sollten sie sämmtlieh von der Hand des FYaDCOl 
(Gio. Battista?) sein. Möglich jedoch, dass 
Resta selber in gutem Glauben war. Allein 
ihm war darum zu thun die Sammlung, die ihm 
theuer zu stehen gekommen, an den Mann zu 
bringen (er nannte sie Parnasso de' Pittori und 
gab ihren Katalog unter dem Titel heraus: In- 
dice del libro intitolato Parnasso dc' Pittori, in 
cui si contengono varj disegni orig-inali raeeolti 
in Roma da S. Resta. In Perugia 1707). Dazu 
war nothwentlig für den Meister ein gesteigertes 
Interesse zu verbreiten; und so brachte er über 
dessen Leben eine Anzahl von Mährchen auf, 
welche geeignet schienen, eine tiefe und nach- 
haltige Theilnahme zu erwecken. Er mag zum 
Theil selbst daran geglaubt haben; denn er han- 
delte aus einer seltsamen Mischung von persön- 
lichen Antrieben und von aufrichtiger Verehrung 
für den grossen Maler, dessen Ruhm er aufzu- 
frischen suchte und dem in Correggio ein Denk- 
mal zu setzen er selber wieder zu Opfern bereit 
war. Ein merkwiirtliges Beispiel dafiir, wie er 
zu seinen Nachrichten kam und welche Mittel er 
aufwandte um dafür Beweise beizubringen, wer- 
den wir bei der Untersuchung von Correggios 
angebliehem Aufenthalte in Rom keimen lernen. 
Den Erzählungen des Mannes, den Anekdo- 
ten, die er in Umlauf brachte, ist natürlich kein 
Glauben zu schenken, und die vielfachen Be- 
mühungen, von denen sein Briefwechsel zeugt, 
 mögen nur den einen Nutzen gehabt haben, dem 
lLeben des Meisters eine grössere Aufmerksam- 
lkeit zuzuwendcn. Uebrigens ist nur ein kleiner 
{Theil seiner Briefe in den Lettere pittoriche des 
 Bottari abgedruckt; weitaus der grössere Theil, 
 an den Maler Giuseppe Magnavacca gerichtet, ist 
Tirabosehi zufolge nach England gekommen. 
In den ersten Jahren des 18. Jahrh. hatte dann 
der Schweizer Maler Lod. Ant. David, der fast 
,sein ganzes Leben in Italien zugebracht zu ha- 
lben scheint, eine Biographie Corrcggios unter- 
lnommen. Sie ist nicht gedruckt worden; sie bil- 
ldete einen Theil eines grösseren Werkes (mit 
dem Titel; ll Disinganno delle principali noti- 
zie ed erudizioni delle Arti del Disegno etc., 
s. den Art. David), das Manuskript geblieben ist. 
Hier war zuerst das alte Mährchengewebe inso- 
fern zerrissen, als David umgekehrt zu beweisen 
suchte, dass O. aus edlem und begütertcm Hause 
gewesen sei. Diese neue Fabel, weiche nur die 
Rückseite der alten war, wurde von Gherardo 
.Brunorio aufgenommen und in einem Briefe ver- 
öffentlicht, der zu Bologna 1716 gedruckt wurde. 
Derselbe fand dann weitere Verbreitung durch 
Taecolfs Memorie Storiche dYReggio (s. in der 
Literaturangabe) , darin sich jener Bericht mit 
geringen Abänderungen unter dem Namen des 
Abbate Carlo Talenti wieder abgedruckt findet. 
Auch der bekannte Sammler und Kenner Pierre 
 Crozat beschäftigte sich am Anfange des Jahrh. 
iviel mit dem Leben Correggids und sammelte 
lMaterialien dazu. Doch kam die Schrift, die er 
iim Sinne hatte, nicht zu Stande. 
 Ihnen folgte Rafael Mengs, und mit ihm 
 begann nun, verbunden mit kritischer Forschung, 
das eingehende Studium des Meisters. Es ist 
 schon oben bemerkt, wie bezeichnend es ist, dass 
gerade Mengs diese Arbeit übernahm; ein Ma- 
ler, weniger bedeutend durch sein Talent als 
durch seine Bildung nach den grossen Meistern 
und die Erneuerung dieser Vorbilder, und S0 
recht zwischen der ablaufenden und (ler neu an- 
hcbenden Periode mitten inne stehend. Von den 
alten Irrthümern ist allerdings mancher, z. B- 
derjenige der zweifachen Ehe, in seine Schrift 
übergegangen. Allein gegen die überlieferten
        

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