Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1596198
Antqvisrälläßär'i:_ 
7349 
Die grosscn Cinquecentisten haben natürlich 
Jeder seine ausgeprägte Art; dass sie diese ha- 
ben, gehört wesentlich zu ihrer epochcmachen-_ 
den Stellung. Allein in der historischen 'l'rag- 
weite derselben,-iu den Wirkungen, welche von 
dieser Eigenart eines Jeden ausgegangen, sind 
sie sich nicht gleich. In jener besonderen Natur- 
anlage, welche von der vorangegangenen Kunst 
nur Anleitung u. einzelne Anregungen empfängt, 
(lagcgcn aus der eigenen Kraft des Genius ganz 
 neue Gebiete eröffnet und neue Strömungen aus- 
 sendet, darin können sich mit Correggio nur 
lnoeh Leonardo da Vinei und Michelan- 
lgelo messen. Und sehen wir auf die Jahrhun- 
derte lang fortivirkende Kraft ihrer Kunstweise 
überhaupt, so steht ihm an Einfluss nur der eine 
lMichelzingelo gleich. Unzweifelhaft hat Rafael 
,nicht mindcär von seinen 'l'agen an bis auf die 
lunsrigen die Kunst bestimmt, wie er zugleich in 
lihreln Auf- und Niedergang den eigentlichen 
Illiihepunkt bezeichnet. Allein seine Wirksam- 
ikeit ist eine mehr ausgleichende und zusammen- 
fassende, welehe an die vorangega-tilgenen Meister 
nicht bloss anknüpft, sondern ihre Arbeit wei- 
terführt, in die neue Anschauung; und die kom- 
menden Zeitalter iiberleitet und so das feste, das 
hervorragende Mittelglied einer ununterbroche- 
nen Kette bildet. Seine Stellung in derGesehichte 
der Kunst entspricht insofern seiner gleichmäs- 
sig stusgebildeten Natur, welche die verschiede- 
nen Seiten der Erscheinung zu einem gemäissig- 
ten Ganzen zusamnienfasste. Cormggio aber hat 
der Kunst ganzer Zeitalter sein besonderes, ein 
ganz cigenthiimliches Gepräge gegeben. Er sieht 
das Leben und die Welt der Dinge in einem 
neuen, in einem anderen Lichte, als seine Vor- 
gänger und Zeitgenossen, und begründet so eine 
Kunst von ganz eigenem Charakter, darin eine 
nachfolgende Zeit ihre Auffassung des Lebens 
am wahrsten und lcbendigsten ausgesprochen 
fand. Ucberall, auch an der unseheinbarstcn 
Stelle, lassen sich die deutlichen Spuren dieses 
Einflusses entdecken. Wer in Dorfkirchen sich 
umsieht oder die frommen Andachtsbildei- älteren 
Datums an den Iläirsern beachtet, nicht bloss in 
Italien, sondern auch in Mittel-, Süddeutschland 
und 'l'ir0l, der wird oft in der hl. Jungfrau des 
Derfkünstlers eine Madonna des Correggio als 
Urbild wieder erkennen. Wer dagegen die fröh- 
lichen Malereien in französischen und deutschen 
Palästen des vorigen Jahrh. mit einem nicht un- 
geübten Auge betrachtet, der wird in allen Ecken 
des gemalten Himmels die correggesken Engel 
schweben und gaukeln sehen. Eine solche Ge- 
walt lag in dem Genius des Meisters, dass er die 
Kunst ganzer Epochen (insbesondere die des 
18. Jahrh.) gleichsam verbildete. 
Allerdings fasste C. mit dieser so entschiedenen 
Eigenart die Erscheinung nur von einer bestimm- 
ten Seite und bildete alles Leben, das in den 
Kreis seiner Anschauung trat, nur in diesen be- 
stimmten Formen. Er kannte das Schöne nur 
(lieser Nachforschungen und ihre Ergebnisse 
wird gleich die Rede kommen. 
In unserem Jahrh. jedoch sollte ihm sein 
Ruhm, seine hervorragende Bedeutung, wenn 
auch nicht bestritten, doch auf's Neue geschmä- 
lert werden. Die neuere Knnstkritik hat in ihm 
einen der ersten Meister des (linquecento aner- 
kannt; aber sie findet an ihm zu tadeln und hat 
ihn namentlich beschuldigt, den Verfall der Ma- 
lerei (eingeleitet zu haben. Besonders streng hat 
ihn einer der feinsten Kenner der Renaissance, 
Burckhartlt, beurtheilt, wenn er gleich seine 
hohe Btigüblllly," anerkennt; er habe die Kunst 
entsittlieht, indem ihm jedweder Inhalt nur Vor- 
wand gewesen sei, bewegtes Leben in sinnlich 
reizender Form zu schildern. Dieser Standpunkt 
der modernen Kritik, welche mit bestimmten 
idealen Anforderungen an die Kunst her-antritt, 
ist das Plrgebniss einer besonderen Auffassungs- 
weise unscrer Zeit und trifft nicht das Wesen 
des Meisters. ln der That ist der mehr naiven 
Anschauung; früherer Epochen eine solche Be- 
trarlrtung gar nicht gekommen. Diese hatten 
keinen Augenblick Arg, dass die reizende Wir- 
kung der corregesken lllalerei einen dunklen 
Hintergrund haben könne; dass hier gegen die 
Reinheit und Würde der Kunst gesündigt und 
der erste Anstoss gegeben sei, sie von ihrer Höhe 
in das niedrige Gebiet sinnlicher Rcizmittel und 
eines entleerten Scheinspiels mit schönen For- 
men herabzubringen. Wenn sich bisweilen leise 
der Tadel an diese Werke wagte, so richtete er' 
sich gegen die ungewohnte Darstellungsweise 
der Form, weil er hier die Bestimmtheit einer 
streng und rein durchgeführten Linie oder höch- 
stens die Gebundenheit derBewegung vermisste. 
Nun könnte allerdings scheinen, wie wenn die- 
ser Tadel durch jenen ernsteren Vorwurf erst 
recht begründet würde, und also die neuere Kri- 
tik nichts gethan hätte, als solche Anstände zu 
vertiefen, die angeblichen Mängel Correggids 
auf ihre im Wesen dieser Kunst selber liegenden 
Wurzeln zurückzuführen. Allein wir werden se- 
hen, dass dem nicht so ist, und dass, was man dem 
Maler zum Vorwurf machen möchte, vielmehr 
darauf beruht, dass er die Malerei zu ihrem 
höchsten, aber auch äussersten Ziele gefiihrt, zu 
Ihren letzten Folgen ausgebildet hat. 
VII. Die Eigenart des Meisters.  Neuere Forschungen. 
Inwieweit Correggio neben den grössten Mei- 
Stern der italienischen Malerei und auf gleicher 
Höhe mit ihnen seinen Platz behauptet, kann 
Sieh erst im Verlauf unserer Darstellung ergeben. 
Eines der Merkzeichen aber, womit er sich den- 
selben vollkommen ebenbürtig zur Seite stellt, 
Äene Eigenthiinrliehkeit, welche schon die Ca- 
mcei hervorgehoben haben, hat sich geschicht- 
lich ausgeprägt, indem sie insbesondere den 
Weittrzigenilen Einfiuss des hleisters bewirkt hat. 
Ihr Charakter und ihre Bedeutung lassen sich 
daher hier schon andeuten.
        

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