Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1596151
Antonio Allegri.  3 4 5 
merlich, voll innerer und äusserer Bedräng-l 
nisse erscheinen.   
In Wahrheit haben wir keinen Grund, anzu-l 
nehmen, weder dass Correggio den menschlichen 
Leidenschaften mehr als recht sich überlassen, 
noch dass er seine Lebenslage beklagt habe? 
War er von Natur aus bescheiden und genug-l 
sam, ein Zug, der ihm allgemein beigelegt wurde 
und der die grösste Wahrscheinlichkeit für sich  
hat  so war er auch mit dem, was ihm das? 
Loos besehied und er selber erreichte, zufrieden. 
Die genügsamen Naturen sind nicht unglück-l 
lieh, noch aufgelegt zu dunklen Gedanken. Undl 
wenn er ohne Ehrgeiz war, wie Scannelli her-l 
vorhebt, so vernahm er auch neidlos von den 
Erfolgen Rafacfs und Miehelangelds.  
Blicken wir in das Leben des Meisters mit, 
einem Auge, das seine Werke gegenwärtig hatl 
und aus ihnen ein Bild zu gewinnen sucht von 
dem Geiste, der sie geschaffen, halten wir diese 
Eindrücke zusammen mit dem Wenigen, was wir 
von seinen Lebensumstänilen wissen: so erhal- 
ten wir von seinem Wesen eine ganz andere 
Vorstellung", als sich durch die dunkel gefärbte 
Schilderung Vasarfs allmiilig verbreitet hat. Ein 
grosscs Talent, berufen, aus neuer Anschauung 
Neues zu sehafen und also mit der Kraft des 
Genius ausgestattet; versehen mit allen Mitteln, 
die höchste Ausbildung, die ihm vergönnt ist, zu 
erreichen; von keinen fremden Einflüssen beirrt, 
niemals von seiner Eigenthümlichkeit und dem 
ihr gesteckten Ziele abweichend (was sich z. B. 
von Rafael nicht sagen lässt); unablässig be- 
müht, was er darzustellen unternimmt, zu voll- 
endeter Erscheinung zu bringen, und dies immer 
mit zweifellos glücklichem Ergebniss: so ver- 
Rvirklicht er, was energisch ausgesprochen in 
seiner Seele liegt, mit seltener Sicherheit lllldl 
mit der Kraft einer ungebrochenen Natur, ohne  
Zwiespalt im Inneren und ohne Kampf nach, 
Aussen. Womit unter solchen Umständen derl 
Künstler sich hätte quälen sollen, ist nicht ab-l 
zusehen. Und woran fehlte es im Grunde seinem 
Eiusscren Leben, seiner Stellung? Die grössten 
Arbeiten, zu denen Parma sich aufschwang, lie- 
len ihm zu; und während die Verhältnisse der 
zunehmenden Familie gut sich anliesseil, ver- 
mehrte sich zugleich sein Vermög-eir. Er konnte, 
auch wenn die Arbeitskraft nachliess, auf ein 
glückliches Alter vertrauen. Klein war aller- 
dings der Umkreis seines Daseins, in dem so 
(fresse-s gcschaifen wurde. Allein es war treff- 
ll_0ll ausgefüllt. Und der darin lebte, traehtete 
nicht (larüber hinaus und farld in ihm offenbar 
ein bescheidenes Glück. 
Zur völligen Gewissheit wird dies, wenn man 
V01! der Ell1piil1(lll1]g!5lVCiSG, die aus seinen Schö- 
Dfllllgen spricht, auf die Stimmungen im Men- 
Schen zurüekschliesst. Bei keinem MGlSiJGY hat 
"lau hiezu ein grösseres Recht, als bei Correggio. 
Denn- es ist fast durchweg dieselbe 'l'onart der 
Gefühleywelche aus seinen Werken klingt; und 
M 9 Y ß r , Künstler-Lexikon. I. 
selbst wo er, dem Gegenstande gemäss, eine 
andere anschlagen muss, spielt diese dennoch in 
jene gewohnte hinüber. Unzweifelhaft, weil es 
der Ton seiner eigenen Natur war. Und niemals 
ist diese Gefühlsweise in's Gewaltsame gespannt, 
niemals aus Kämpfen mühsam errungen oder 
widerstrebenden Umständen abgenöthigt, so dass 
sich, wie etwa beim l-Iumoristen, voraussetzen 
licsse, sie stehe zugleich im Gegensatze zu einer 
dunkeln Kehrseite im Menschen. Sondern im- 
nier ist sie der spielende, unverkümmerte Erguss 
einer offenen und unbefangenen Natur. Wir 
werden sehen, wie die Werke (L's die ganze 
Tonleiter der fröhlichen Empfindungen durch- 
laufen, von der stillen Heiterkeit eines gleich- 
miissigen Glücks und dem holden Zauber sinn- 
lichen Entziickens bis zu Lust und Jubel einer 
auisgelassenen Seligkeit. Es ist bezeichnend, 
dass G. unter allen Meistern zuerst es verstan- 
den, das Lächeln einer stillen, innerlichen Freude 
darzustellen, und so darzustellen, dass er den 
Besehauer zur N aehemplinilung mitgcwinnt. Das 
hatte schon Leonardo versucht, aber nicht er- 
reicht; das Liicheln seiner Frauen (die freilich 
tiefere Naturen sind, als diejenigen unseres Mei- 
sters) hat immer etwas Starres, fast Befrem- 
dendes. Etwas von jenem Lächeln mag auch in 
der Seele des Künstlers gelegen haben, wie auf 
seinem Leben Etwas von dem milden, selbst alle 
Schatten durchleuchtenden Sonnenschein seiner 
Malerei. 
V. Beurtheilung des Vasari und deren Einüuss. 
Lange Zeit noch nach seinem Tode blieb das 
Dunkel über den Schicksalen und der Person des 
Meisters. Das 1G. und 17. Jahrh., welche als die 
Nachfolger der Oinquecentisten unter ihrem un- 
mittelbaren Einfluss standen, behielten fiir deren 
Werke das lebhafteste Interesse; aber ihre Be- 
ziehung dazu war eine vorwiegend praktische, 
und von ihrcr eigenen Kunstübung in Anspruch 
genommen, dachten sie nicht daran, nach den 
Verhältnissen und Lebensunistiimlen der grossen 
Meister zu forschen. S0 wiederholt Borghini 
in seinem Riposo (Florenz, 1584, p. 374-376) 
nur die Angaben des Vasari; Arm enini (Dc' 
veri precetti dclla Pittnra. Ravenna l 587. p- 55) 
sogar dessen Irrthum hinsichtlich der Kuppel- 
bilder in Parma. Und noch im 17. Jahrh. wusste 
S c a n n e ll i, obwol er sich ausführlich über 
Correggio verbreitet, nicht das Geringste über 
ihn und sein Leben, sondern malte nur mit noch 
stärkeren [Farben die Fabel seines Unglücks aus. 
Seine Mittheilungen sind nur insofern von Inter- 
esse, als sie uns über den Verbleib von mehreren 
Gemälden des Meisters im 17. Jahr-h. Auskunft 
geben. Scaraunuccia (Finczze de" Pennelli 
Italiani. Perugia 1672) berichtet nur über die 
bekannten Bilder zu Parnni und Modena. B al- 
dinucei (zweite Hälfte des 17. Jahrh.) erwähnt 
seiner nur beiliiutig, da er z. B, bei Cesare Are- 
tusi von dessen Kopien nach ihm spricht oder 
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