Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1595119
 Heinrich Aldegrever. 241 
dann kommen die stattlichen Paare, ruhig neben  
einander schreitend, sich unterhaltend, ja sich) 
umsehlingend und kiissend.  Ihr Gang folgt demi 
Takt der Musik, Welche die hinterdreinkommen- 
den Trompeter machen. Solche Ziige mochten 
damals auf den Gassen der westfälischen Städte 
zu sehen sein. Von der Sitte und der Kleider- 
pracht jener Tage erhalten wir hier ein merk- 
würdiges Bild; die lliänner in geschlitzten Klei- 
dern, mit kurzem Mantel, Pluderhosen und klei- 
nem Barett, an der Seite stets einen grossen, 
zierlich gearbeiteten Dolch, sowie den langen 
Stossdegen tragend; die Frauen in schweren 
Stoffen, mit langem Schleppkleid, Schlüsselbund 
11. Bügeltasehe, überladen mit Perlen u. Schmuck. 
 Gerade vor diesen Bll. kann man sich vom 
Stil Afs das deutlichste Bild machen. Wie sehr 
auch Dürefs Richtung, wie entschieden die Re- 
naissance auf ihn wirkt, einer gewissen pro- 
vinziellen Eckigkeit und Strenge wird er nur 
selten ledig. Die alterthümliche Steifheit, wie 
in den Josephbildern, überwindet er allmälig, 
wird in Komposition und Handlung ungezwun- 
gener u. lebendiger, aber in den einzelnen Figu- 
ren bleibt er häufig in den früheren Fehlern be- 
fangen. Die Gesichter haben manchmal etwas 
Verzwicktes, die Formen sind nicht selten 
schwiilstig, die Bewegungen, namentlich die der 
Hände, plump und manierirt. Besonders hat A. 
für richtige Verhältnisse des Körpers kein Ge- 
fühl, bildet die Beine zu hoch, die Köpfe zu 
klein. Und schon van Mander sagt, es wäre na- 
mentlich zu wünschen, dass er minder verworren 
in der Gewandung ("mit zu viel Runzel- und) 
Faltenwerkn) gewesen.  
Diese Mängel im Figiirlichen, dieser geringe) 
Sinn für richtige Verhältnisse in den Gestalten 
machen A. für ideale Darstellungen, für mytho-i 
logische und allegorisehe Motive, sowie für histo- 
rische Steife aus dem Alterthume besonders un-  
geeignet. Unter den zahlreichen Bll. dieser Gat-  
tung ist vieles höchst geschmacklos, plump und 
widerwärtig; doch macht er auch im Nackten 
allmälig Fortschritte, was die erwähnten von B. 
Beham beeinflussten Kampfscenen, wie Hektor 
im Gefecht (Verz. 93), Schlacht zwischen Han- 
nibal und Seipio (Verz. 100) mit ihrer kecken 
Bewegtheit darthun. Die auf grossartige, for- 
male Motive hinarbeitende Richtung Michelan- 
gelds lässt ihn nicht unberührt (vgl. D0lcl1- 
Scheide mit David, Verz. 234, schon von 1529). 
An eine von Marcanton gestoehene Komposition 
Raifaefs lehnt sich das Bl. mit dem Kinder- 
tanz an (Verz. 253. 1535), wie iiberhauptA. in der 
Darstellung nackter Kinder (z. B. Verz. 263. 
_1537 ) , sowie in den kleineren Gestalten, welche 
In feinen ornamentalen Erlindungen verwendet- 
smd, eine überraschende Anmuth zeigt.  
HI. Seine ornamentalen Arbeiten. 
In solchen Ornamentstichen, Mustern für 
Kunstteehniker, besonders Goldschmiede, ist er 
M e y e r , Künstler-Lexikon. I. 
unter Dürer's Nachfolgern der produktivstc. Es 
gibt gegen 100 Stiche dieser Art (191-288). 
Einen Hang zum Phantastischen hat er sich aus 
der Gothik bewahrt, deren ornamentale Bildun- 
gen hie und da noch unter den Renaissance- 
elementen auftauchen, und diese letzteren erin- 
nern oft mehr an die Frührenaissance, als an das 
Cinquccento. Achnlich wie die ornanientalen Er- 
findungen der Italiener, sind auch diejenigenAfs 
und der übrigen Kleinmeister aus höchst mannig- 
faltigen Elementen kombinirt, aus Laubgewinden 
u. Blattwerk, Masken, Thierschädeln, fabelhaften 
Ungeheucrn, Sirenen, Satyrn, in Gewinde ans- 
gehenden Gestalten, Instrumenten, Waffen, Ge- 
räthen, was oft in formaler Hinsicht höchst will- 
kürlich und ohne Rücksicht auf einen inneren 
Zusammenhang vereinigt ist. Nirgends zeigt sich 
Afs Grabstichel vollendeter, u. gerade hier steht 
er auch schon in früherer Zeit auf voller Höhe 
(z. B.Verz. 230. 1529),während die Kompositionen 
der letzten Jahre in die barocksten Ausschreitun- 
 gen verfallen. Einige Muster zu Schmucksachen, 
Agraffen (Verz. 259, 264), Löffeln (Verz. 269) u. 
besonders zahlreiche Vorbilder zu Dolchsehei- 
den, meist mit eingravirten Lanbverzierungen 
und figürlichen Reliefdarstellungen, sei es aus 
Bibel und Alterthuin, sei es in charakteristischen 
Gestalten aus der Zeit, verdienen namentlich 
Interesse. So hatte er Einfluss auf die Kunst- 
industrie seiner heimischen Gegenden, nament- 
lich auf die Holzschnitzerei. Auch übteA. selbst, 
wie wir aus urkundlichen Quellen wissen, die 
Technik des Goldschmiedes aus, die ja mit der 
Kupfcrstichkunst eng zusammenhängt. Den 28. 
Juni 1552 schreibt vHynrich Aldegraue tho Sostc 
an den fürstlich Klevischen Supplicatien-Meister 
Johann Smellinck, und sendet ihm zwei Siegel 
für den gnädigeu Herren, die an Silberwerth und 
für das Schneiden auf 35 Thaler zu stehen kom- 
menfauch spricht er von einem in Arbeit be- 
gritfenen Ring, dessen Stein in Schnitt u. Farbe 
dem Fürsten sicher gefallen werde. Es existirt 
auch das Schreiben (vom 2. Juli), in welchem 
Herzog Wilhelm zu Kleve den Rentmeister zu 
Hürde anweist, Meister H. Aldegrever obige 
35 Thaler zu zahlen. 
IV. Gestoohene Bildnisse. f Gemälde- 
Mit dem genannten Fürsten stand A. überhaupt 
in Verbindung. Er gab sein Bildniss in einem 
grossen Kupferstieh herauS (VCYZ- 182) , (16111 
schönsten seiner Porträts, dem indessen die sel- 
tenen Kupferstiche des Wiedertäufer-Königs J o- 
hann von Leyden und des Knipperdollinck(Ve1-z_ 
186,187 ; 1536) kaum nachstehen. Auch das Porträt 
des Albert van der Helle (137; 1538) ist belller- 
kenswerth. Auf den schon erwähnten eigenen 
Bildnissen Afs erscheint der Meister als 28jäh- 
riger bartlos, fast im Profil, als 35 jähriger mit 
 kurzem Vollbart, kleiner Mütze, zu drei Vierteln. 
 Auch unter seinen Gemälden gebührt den 
 Bildnissen der Preis. Das schönste, in der Ga- 
31
        

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