Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aa - Andreani
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1592257
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1594665
196 
Leon Battista. Alberti. 
thums und noch nachher gebildet haben, nicht 
aufgeben. Er beschreibt das Verfahren in den 
verschiedenen Wölbarten (Tonnengewölbe, Kup- 
pel, Kreuzgewölbe) und erklärt sie für nothwen- 
dig in den Kirchen und den Erdgeschossen der 
Paläste. 
Das Ergebniss, zu welchem Alberti gelangt, 
indem er schliesslieh das Wesen der baulichen 
Schönheit bestimmen will, entspricht ganz jenen  
Voraussetzungen. Sie besteht vornehmlich in 
der vconcinnitasn; d. h. in einem gewissen Zu- 
sammenklang, in der Harmonie der einzelnen, 
Theile lmd Glieder, so dass ohne Schaden nichts  
hinzugefügt, nichts weggenommen werden könne 
(nach Springer). Alles Gewicht ist also auf das 
Verhältniss, die formelle Erscheinung gelegt. 
Weder die Zweckmässigkeit noch das Gesetz des 
konstruktiven Aufbaus giebt für ihn den Aus- 
schlag. Die Schönheit der Form in der selbstän- 
digen Harmonie ihres Scheins, abgelöst von dem 
Zwang des Stolfs und dem praktischen Interesse, 
das Prinzip, das die ganze Renaissance bewegte 
und neuerdings zum ästhetischen Grundsatz ge- 
worden ist, es sucht zum erstenmale in Alberti 
sich Ausdruck zu geben. Ein wesentliches Mo- 
ment in diesem Schein ist ihm dann die maleri- 
sche Wirkung. Wie jenes Prinzip für ihn nicht 
blos theoretisches Resultat, sondern auch Sache 
der eigenen feinsten Emplindung und produkti- 
ver Kraft war, ergiebt sich deutlich aus einer 
Briefstelle, die sich auf eine seiner Hauptbauten, 
S. Francesco zu Rimini, bezieht. Daselbst er- 
mahnt er seinen Baufiihrer: vDu siehst, woher 
die Mafse und Verhältnisse der Pilaster kom- 
men; was du mir daran änderst, zerstört jene 
ganze Musika. Um aber diese Schönheit des Ein- 
klangs und der rhythmischen Bewegung zu ün- 
den, dazu reichte keine Kenntniss der architek- 
tonischen Mafse aus. Diese musikalische Wir- 
kung ist unmessbar (wie sich schon in den grie- 
chischen Tempeln keine Norm fester mathema- 
tischer Verhältnisse auffinden lässt); sie ist das 
Produkt eines entwickelten künstlerischen Ge- 
fühls, wie ihr Zauber auf einem unnennbaren 
Etwas beruht. Auch darüber war sich Alberti 
vollkommen klar; er selber spricht von einem 
nQuippiam quod quale ipsum sit non requiroa, 
dessen nähere Bestimmung ihm also nicht mög- 
lich scheint. 
Jene ideale Anschauung aber, welche das ar- 
chitektonische Kunstwerk als die Stätte für ein 
allseitig ausgebildetes Leben mit diesem in Ein- 
klang bringen will, Alberti hat sie auch vom Ar- 
chitekten. Dieser ist ihm nicht mehr Handwer- 
ker, wie ihn vorwiegend das Mittelalter auf- 
fasste, sondern ausgerüstet mit weit über sein 
Fach hinausragenden Fähigkeiten und Kennt- 
nissen, von tiefer geistiger Begabung, die alle 
Bedingungen des menschlichen Lebens zu tref- 
fen weiss. Vielleicht tritt hier zum ersten Mal 
der Künstler mit dem vollen Bewusstsein seiner 
ungewöhnlichen Stellung; auf, und fast scheint 
es, wie wenn Alberti zu dieser Schilderung eine; 
Baumeisters seine eigene Persönlichkeit a1: 
Norm genommen hätte. 
IV. Alberti als Baumeister. Seine Bauten zu Rlmini, 
Mantua, Florenz und Rom. 
Alberti selber, so bedeutsam er auch durcl 
seine ganze Individualität sowie durch seine lite- 
rarische Thätigkeit für die Renaissance war, ha 
sich nicht minder als ausiibender Architekt aus- 
gezeichnet. Zwar war er mit der Technik seine: 
Handwerks weniger vertraut und hat daher di: 
Leitung der von ihm entworfenen Bauten meis 
andern Meistern überlassen; doch ist deshall 
der Einfluss derselben auf die Zeitgenossen nich 
weniger bedeutend gewesen. Seinen theoreti- 
schen Grundsätzen gemäss war es ihm weit we- 
niger um konstruktive Entwickelung, als uu 
malerische Gruppirung des ganzen Baues um 
insbesondere um die festliche, monumentale Er- 
scheinung der Fassade zu thun. Im Ganzen ha 
Wer sich dabei an gewisse Hauptformen der klas- 
 sischen Architektur strenger gehalten, als sein: 
Zeitgenossen, und so die Muster für die Frontei 
seiner Kirchen bald von antiken Tempeln, bak 
von römischen Triumphbogen genommen. Alleii 
er gelangte auch, wie schon bemerkt, zu grös- 
serer Freiheit der Behandlung. Wenn er durcl 
sein Studium der alten Literatur und der klassi- 
schen Denkmäler, sowie durch seine Kunstiibung 
welche sich streng an dasselbe anschloss, zm 
Wiedererweckung der Antike in weiteren Krei- 
sen wesentlich beigetragen, so hat er auf die 
Entwickelung der Renaissance  Architektul 
 durch jene selbständigere Auffassung nicht min- 
 der eingewirkt. 
Recht bezeichnend für Albertfs Bauthätigkeiw 
ist gleich eines seiner ersten Werke : die K irc h e 
S. Francesco zu Rimini, die von 1447 a: 
(wahrscheinlich in einem Zeitraum von sieber 
Jahren) im Auftrage von Sigismondo Malatesta 
aufgeführt wurde. Schon früher war sie im go- 
thischen Stile begonnen; nun sollte sie, zur Er- 
 füllung eines Gelübdes auf die prächtigste Weise 
iumgebaut, vollendet werden, weshalb manche 
ältere Bauten, worunter auch S. Apollinare ir 
Classe fuori di Ravenna, ihr kostbares Marmor- 
Material dazu hergeben mussten. Von Alberti 
riihren die Fassade und die Langseiten mit der 
Bogennischen her; beide in einer eigenthiim- 
liehen und von allen früheren Kirchen abwei- 
lebenden Bauart. Die Formen der Fassade sind 
-im Wesentlichen offenbar dem Augustusboger 
entlehnt, der noch jetzt eins der Stadtthore vor 
lRimiui bildet. Vier prächtige kannelirte Halb- 
Wsäulen schliessen drei Bogen ein, von denen die 
 beiden seitlichen lediglich zur Belebung der Mauei 
dienen und der mittlere grössere die Thür ent- 
hält; letztere mit Giebel und fein gearbeiteter 
lLaubgewinden neben ihren Pfosten hat im Bo- 
lgenfeld über sich eine Inkrustation von quadra- 
tischen Feldern in verschiedenfarbigem Marmor,
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.