Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Venezianische Skizzenbuch und seine Beziehungen zur Umbrischen Malerschule
Person:
Kahl, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1544152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1544999
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Mannes und die Vertaufchung des Stiers mit dem Löwen kommen bei der Con- 
gruenz der übrigen Motive kaum in Betracht. Eine ähnliche Zeichnung enthält 
die Sammlung in Oxford unter dem Namen Raffaels 1): nur daß dort der Mann 
mit dem linken Beine auf dem Rücken des Thieres kniet und feine Stellung 
etwas verfchoben erfcheint. Die freie, fehr kühne Behandlung, die an Michel 
Angelds Stil ftreift, würde das Blatt in die römifche Zeit des Urbinaten ver- 
fetzen, wenn einige Gewaltfamkeiten und Härten nicht überhaupt den raffaelifchen 
Namen verdächtig machten. Doch weifen beide Zeichnungen auf dasfelbe oder 
ein durchaus ähnliches Vorbild hin, das licher in den Sculpturen der Antike 
zu fuchen ift. 
Paffavant und Selvatico nennen als Gegenüand der Skizze Simfon oder 
Hercules im Kampfe rnit dem Löwen: eine Vermuthung, die wahrfcheinlich auf 
, die Löwengeftalt des Thieres zurückzuführen ifl, das in der That zu einem 
Mithrasopfer nicht paffcn würde. 
In der Behandlung der Skizze erkenne ich, wie fchon oben (S. 55) erwähnt, 
jene Hand wieder, die, von Lermolieff als Pollajuolo bezeichnet, die beiden Akt- 
liguren N0. 27 und 28 gezeichnet hat. Nicht allein, daß die gleiche Technik 
darauf hinweilt, auch die Bildung einzelner Glieder, fo der Ohren und Hände, 
endlich die Federführung lind von durchaus gleichem Charakter. Selblt die Ge- 
fichter zeigen eine auffällige Aehnlichkeit. Doch wird auch hier ein Vergleich 
mehr als Worte fagen. 
38. Nackter kahlköpßger Mann, nach rechts gewandt. Er kreuzt die Arme 
über die Bruft und blickt finnend vor {ich hin. Rückfeite der vorigen Zeich- 
nung. (Paff, 36. Ven. XXVI, 13. Per. 56. fol. 43b.) 
Die Abweichung von dem {ignorellesken Typus und die leife Hinneigung 
nach Lionardo weifen im Verein mit anderen Aehnlichkeiten auch diefes Blatt 
dem Verfertiger der beiden Pollajuolozeichnungen zu, zumal da {ich außer der 
gleichen Form von Ohr und Fuß auch hier der überlange Unterfchenkel, ein 
Charakteriftikon gerade diefer Hand des Skizzenbuches, findet. Doch ift es 
fchwer zu entfcheiden, ob die Zeichnung von urfprünglicher Echtheit und ob 
nicht vielmehr die Conturen, die deutlich  fogar auf der Photographie erkenn- 
bar  mit einem farblofen Stift ins Papier eingegraben find, erPt von fpäterer 
Hand mit Tinte nachgezogen wurden. Die Feder jedenfalls, mit der die Zeich- 
nung entworfen, ift bei weitem fpitzer, als die bei den übrigen Skizzen benutzte, 
das Ganze etwas kleinlich und gequält behandelt, was felblt Selvatieo zu der 
Aeußerung veranlaßt (Catalogo p. 34): „in cui (contorno) appare un che di con- 
torto non proprio del sommo Urbinate". An diefen wird wohl überhaupt Nie- 
mand beim Anblick des Blattes denken. 
39. Nackter Mann in breitbeinigrer Stellung, vom Rücken gefehen; das Ge- 
I) Robinfon, Katalog. N0. 55. p. 79. B11 27.
        

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