Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Venezianische Skizzenbuch und seine Beziehungen zur Umbrischen Malerschule
Person:
Kahl, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1544152
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1544714
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Mitteln iit in ihnen eine überaus anmuthige Wirkung erzielt, eine kräftige Her- 
vorhebung des Conturs und eine leife Schraffirung der Wange genügen, den 
Kopf vollitändig plaftifch und in feiner Eigcnthümlichkeit klar und beftimmt her- 
vortreten zu laifen. S0 bilden diefe reizvollen und graziöfen Zeichnungen eine 
lebensvolle Wiederholung der in ihrer Einförmigkeit fonft recht trockenen Ori- 
ginale, {o frei und ficher gezeichnet, daß man in der That nur zwifchen der 
Urheberfchaft des fchaifenden Meifters und der nachbildenden Thätigkeit eines 
fehr begabten Schülers zu wählen hat. 
10. Zwei nackte Frauengeßaltezz, offenbar nach der Antike gezeichnet. 
Der von vorn gefehenen fehlen beide Arme und der rechte Fuß; ihr Haupt ifl 
ein wenig nach links geneigt. Die andere, vom Rücken gefehen, ifl vollltändig 
Torfo, außer den beiden Armen und dem linken Bein vom Knie an ermangelt 
fie auch des Kopfes (Fig. 7). Zur Linken ift eine begrenzte Linie, wahrfcheinlich 
als Maßftab der Kopflänge. Rückfeite der vorigen Zeichnung. (Paff. 10. Ven. 
XXVI, I8. Per. 59. Br. 115. fol. 28a.) 
Dies iPc die bekannte Zeichnung der Grazien, welche als eine Nachbildung jener 
Gruppe (Fig. 8) gilt, die früher im Palalte der Piccolomini in Rom aufgefielltwar, 
zur Zeit der Erbauung der Libreria von Siena in diefe überführt wurde und 
{ich jetzt in der Opera del Duomo befindet. Und zwar mag die Tradition hier in 
Recht behalten. So ähnlich auch die Gruppe der beiden Frauen anderen Grazien- 
darftellungen des Alterthums  man vergleiche mit der Zeichnung nur den 
ebenfalls nach antikem Vorbild ausgeführten Stich Marc Antons B. 3401)  fo 
läßt doch die Haltung der Geftalten, fowie vor allem die getreue Wiedergabe 
der Bruchitellen des Marmors keinen Zweifel darüber, daß der Zeichner des 
Skizzenbuchblattes die {ienefifche Gruppe felbit vor Augen gehabt haben muß. 
Da man nun annahrn, diefe Copie habe nur in Siena hergeltellt werden 
können, fo war bei der Vorausfetzung des raffaelifchen Urfprunges des Skizzen- 
buches diefes Blatt ein wichtiges Zeugniß für den Aufenthalt des Urbinaten in 
Siena und damit für die Erzählung Vafari's von feiner Mitarbeiterfchaft an den 
Libreriafresken. Es wird {ich darum verlohnen, den damit zufammenhängenden 
Fragen etwas näher zu treten. 
Ueber den fo wichtigen Zeitpunkt der Uebertragung der Gruppe nach Siena 
hat Schmarfow in feinem mehrfach erwähnten Buche die eingehendilen Un- 
terfuchungen angeftellt, die darauf hinauslaufen, die Ueberfiedelung im Jahre 
1502 anzunehmen. Francesco Piccolomini nämlich, der am 22. September 1503 
I) Die Verwandtfehaft der Sienefifehen Gruppe mit diefem Stiche Marc Antons ill; fo 
fchlagend, dafs ich zuerß geneigt War, in letzterem eine Copie nach dem Marmorbilde zu fellen. 
Selbß die Uxiterfchrift: Sie Romae CariteS niveo ex xnarlnore sculp. fchien einigen Anhalt für 
diefe Annahme zu bieten; da aber das betreffende Blatt in einer Manier geftochen ift, die es 
nothwenrliger Weife fpäter als 1510 fetzt und {ich die Gruppe damals {icher in Siena befand, 
fn erklärt {ich jene Aehnlichkeit wohl aus der Benutzung eines andern antiken Vorbildes. 
Kahl. Das venezianifche Skizzenbuch. 3
        

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