Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1530784
DIE 
MADONNEN 
RAF FAEIJS. 
in der Sammlung Malcolm in London, welche Raffael noch öfter wieder- 
holt hat, lehrt uns fein Madonnenideal, wie es ihm am Anfange feiner 
tlorentiner Zeit vorfchwebte, kennen. Das Blatt galt früher für das Porträt 
von Raffaels Schwefter. (Fig. 29.) Ganz ohne Grund; nur in einem Punkte 
war diefe Meinung im Rechte, dafs das Bild ein genaues Naturfttidium 
vorausfetzt und feine Hauptzüge einer lebendigen Perfönlichkeit entlehnt 
find. Es ifl kein blofser Modellact, vielmehr von dem Künftler aus der 
Erinnerung gezeichnet und den Madonnentylaen angepafst. Nur den 
Kopf bis zum Schulteranfatz hat Raffael wiedergegeben. Das Haar in 
der Mitte glatt gefcheitelt, mit einem dünnen Schleier bedeckt, iPt hinter 
das Ohr zurückgeftrichen, der Blick erfcheint gefenkt, das Geficht, faft 
ganz von vorne genommen, leife nach links geneigt. Raffael hat diefen 
Kopf auf keinem Madonnengemälde wiederholt, wohl aber den meiiten 
feiner florentiner Madonnenköpfe zu Grunde gelegt. 
T 
Gar grofsen Dank würden wir Vafari zollen, wenn 1er die genaue 
Zeitfolge der Raffaelifchen Madonnen niedergefchrieben hätte. Sein 
Schweigen fagt uns, dafs fchon zu feiner Zeit die Tradition darüber 
ftumm war. Er begnügt lich, die Madonna mit dem Stieglitz (Gal. Ufnzj) 
näher zu fchildern und dafs üe Raffael feinem Freunde Lorenzo Nafi 
zum Hochzeitsgefchenk beftimmt hatte, anzugeben. Er erwähnt fodann 
und befchreibt die Madonna Canigiani (München), erzählt, dafs Raffael 
für den Herzog Guidobaldo von Urbino zwei kleine, nicht näher be- 
zeichnete Madonnenbilder gemalt habe, und verfichert, dafs bei Raffaels 
Wegzug von Florenz ein unvollendetes Madonnengemälde von Ridolfo 
Ghirlandajo fertig gemalt wurde. Das ift die ganze Kunde, die wir 
Vafari über Raffaels Horentinifche Madonnen verdanken. Die Infchriften 
auf den Gemälden felbft, fonft eine {ichere Handhabe für die Zeit- 
beftimmung, bieten nur eine geringe Hilfe. Vier Madonnen hat Raffael 
mit der Jahreszahl verfehen: die Madonna im Grünen (Wien), die Madonna 
mit dem Lamme (Madrid), die vbelle jardinierer (Paris) und die Madonna 
Niccolini (Lord Cowper in Panshanger). Das Unglück will aber, dafs 
mit Ausnahme des letzten Datums (1508) alle anderen verfchieden ge- 
lefen werden und in der That die? vollftändige Deutlichkeit vermiffen 
laffen. IP: das Wiener Gemälde 1505 oder 1506, die Madonna mit dem 
Lamme 1506 oder 1507, die giardiniera 1507 oder 1508 gemalt worden? 
Der Streit darüber kann, wenn blofs die Infchriften zu Rathe gezogen 
werden, die Werke felbit überdauern. Dem Stilgefühle allein mufs die
        

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