Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1530740
DIE 
MAD ONNEN RAFFAEDS. 
nothwendigkeit und der vollkommenften Wahrheit aufdrückt, fo dafs 
darüber feine Perfönlichkeit zurücktritt, und welcher daffelbe zugleich fo 
mufterhaft geftaltet, dafs die Phantafie fpäterer Gefchlechter zu dauern- 
dem Beharren in den einmal feßgezogenen Geleifen gezwungen wird. 
Durch Raffael ift das Madonnenideal Fleifch geworden. Pikantere, 
durch das Beimifchen naturaliilifcher Züge gefälligere Darftellungen 
mochten wohl einzelnen fpäteren Malern noch gelingen; keiner aber hat 
das Wefen der Madonna fo tief gefafst, fo reiche Züge in demfelben 
erkannt wie Raffael. Er löfte die Madonna von dem kirchlichen Boden 
ab und hob fie aus dem befonderen Glaubenskreife zu allgemeiner 
menfchlicher Bedeutung empor. Die Verwandlung erfolgte nicht rauh 
513d gewaltfam. NVecken auch Raffaefs Bilder keine ftreng religiöfe 
Andacht, üben fle auch keine Zeichen und Wunder, fo laffen fle doch 
einen frommen Ton leife anklingen. Denn die Eigenfchaften, welche der 
gläubige Sinn in Maria verehrte, werden nicht verneint, fondern nur aus 
der dunklen und vielfach dumpfen Welt der kirchlichen Bekenntniffe in 
das Reich lichter, allgemein und unmittelbar anfprechender Empfindung 
übertragen. 
Auch Raffael fchildert die hohe und reine Frau, indem er uns die 
jugendliche Mutter, die f1ch eins fühlt mit ihrem Kinde, ihre Freuden 
und Seligkeiten vor die Augen führt. Frei von allem Irdifchen und 
Sinnlichen fafste die kirchliche Lehre die Mariennatur auf und hüllte fie 
demgemäfs in ein geheimnifsvolles Myfterium ein. Auf diefem Wege 
kann ihr die Kunit, welche jeden Inhalt in durchfichtige Formen kleidet, 
nicht folgen. Sie bietet aber in ihrer Weife vollkommenen Erfatz, ja 
giebt in menfchliche Wahrheit verklärt wieder, was der Volksglaube 
vielfach verworren und in f1ch widerfpruchsvoll bietet. Die Liebe der 
Mutter zum Kinde ift felbftlos, frei von jedem Iinnlichen Zuge, keufch 
und dennoch glühend, von unnennbarer Süfse und Innigkeit. Beraufchen- 
der im Augenblicke wirkt wohl die Hingabe der Jungfrau an den 
ling, einzelne zärtlichere Ausbrüche kennt die Neigung der Gatten zu 
einander, keine Empündung kann {ich an idealem Schwunge, an Reinheit 
und gleichmäfsiger Wärme mit der Mutterliebe meffen. Sie verfchönt 
felbft das häfsliche Weib, fie hebt die fchöne Frau in die Gottesnähe. 
Darum Füben die anmuthigen Frauen Raffaefs, die hold verfchämt zu 
ihrem Erftling herabblicken, ihn an den Bufen drücken, fein Erwachen, 
feine Spiele belaufchen, einen wahrhaft madonnenhaften Eindruck. Man 
betet nicht zu ihnen, man athmet aber mit ihnen göttliche Reinheit und 
himmlifchen Frieden.  
Für diefe menfchliche Auffaffung des Marienbildes  mancher wird
        

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