Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1533207
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RAFFAEL 
UND 
MICHELANGELO. 
welcher erft fpäter reicher und reiner ausgenutzt wird, fo offenbaren einzelne 
Zeichnungen, wie eifrig Raffael in feiner Jugend bemüht war, das einmal 
gegebene Motiv der wMadonna mit Heiligene weiter auszubilden. Eine 
Federzeichnung in dem Berliner Kupferftichcabinete, früher im Befitze 
Madrazds in Madrid, zeigt die Madonna mit dem Chriftuskinde auf dem 
Schoofse, welches, eine Bandrolle in den Händen, fich dem andächtig 
aufblickenden Johannesknaben zuneigt. Hinter dem letztem ilt die Halb- 
iigur eines Engels fichtbar, welcher den kleinen Johannes offenbar dem 
Chriftkinde zugeführt hat, rechts von der Madonna ift noch ein Heiliger 
(Jofephus) iriit fpitzem getheiltem Barte und gefalteten Händen dargeftellt. 
(Den Engel, welcher einen Knaben der Madonna zuführt, hat Raffael ein 
Jahrzehnt fpäter in der Madonna mit dem Fifche wiederholt. Welche reiche 
Entwickelung des Formenfinnes liegt nicht dazwifchen l) Die Verwandt- 
fchaft mit der Zeichnung in der Albertina zur Madonna mit zwei Heiligen 
(Br. 134) erftreckt iich nicht blos auf den Gegenitand, fondem auch auf 
einzelne technifche Eigenthümlichkeiten, z. B. die Anlage der Gewandfalten, 
daher auch ihr Raffaelifcher Urfprung auf Zweifel ltiefs. Die Köpfe des 
Johannes und des Engels weifen aber diefe Zweifel zurück. Mit diefem 
Blatte fleht eine fpätere weifsgehöhte Kreidezeichnung in Lille (Br. 46) in 
engftem Zufammenhange. Sie unterfcheidet fich von dem Berliner Blatte 
durch eine leichte Veränderung der Lage des Chriftkindes, fie giebt der 
Linken der Madonna eine andere Haltung und zeigt den Oberarm der 
Madonna frei, während diefer auf dem Berliner Blatte halb vom Mantel 
verhüllt wird. Das Motiv, in der umbrifchen Periode Raffaefs, wie man 
fieht, fleifsig hin und her erwogen, ruhte eine Zeitlang in feiner Phantafie, 
blieb aber nicht unfruchtbar. Die Madonna del Duca di Ter- 
ranuova in Berlin nimmt von der Berliner Zeichnung den Ausgangs- 
punkt. Maria vor einer niedrigen Brüftungsinauer fitzend hält mit der 
Rechten das Kind umfafst, welches {ich dem kleinen Johannes zuwendet. 
Beide Kinder faffen ein Spruchband. Rechts, als Gegengewicht zum 
Johannes, hat noch ein Knabe mit dem Heiligenfcheine, welcher zur 
Madonna aufblickt, Platz gefunden. Der Hintergrund zeigt links eine 
thurmreiche Häufergruppe am Fufse eines Hügels, rechts einen mit Baunien 
bewachfenen Felfen, ähnlich wie auf der Madonna Tempi. Vergleicht 
man das Bild mit der Berliner Zeichnung, fo bemerkt man die nahezu 
vollkommene Identität der Hauptgruppe. Nur der Engel und der heilige 
Jofephus find weggefallen, an die Stelle des letzteren der zweite Knabe 
getreten. Offenbar hat auf diefe Aenderung der Wechfel des Formates 
(die M. Terranuova ift ein Rundbild) Eintlufs geübt. Andere Unter- 
fchiede, der Wegfall des Kopftuches u. f. w. werden durch den Eintritt 
in die ilorentiner Kunftwelt bedingt. Das Berliner Blatt befitzt noch 
ein weiteres Intereffe. Auf der Rückseite desfelben befindet fich der
        

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