Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1533109
310 
RAFFAEL 
UND 
MICHELANGELO. 
um den Leib. Der Eber dient als Auflager für die Beine, welche da- 
durch im Knie gebogen werden. 
Es mufs hervorgehoben werden, dafs die Madonna von Mancheiler, im 
I. 1857, wie ich aus perfönlichen Erinnerungen bezeugen kann, mit einer 
fo grofsen Begeifterung begrüfst, dafs der geringfte Zweifel an ihrem 
Urfprung mit der Abdankung des künftlerifchen Urtheils gleichbedeutend 
angefehen wurde, im Laufe der Jahre an Intereffe verloren hat. Doch 
bleibt Michelangelo noch immer als Autor feflflehen. Die Ueberein- 
ilimmung in einzelnen kleinen Zügen mit der Brügger Madonna, wie 
z. B. dafs das Chriftkind da und dort den einen Fufs auf eine Schräg- 
falte fetzt, ift zu grofs, als dafs an einen anderen Künftler gedacht 
werden könnte. 
Eine Reihe von Handzeichnungen in Oxford, im Louvre, in Florenz u. a. 
legen Zeugnifs ab von der engen Beziehung zwifchen dem Stile Leonardds 
und der eine Zeit lang von Michelangelo feftgehaltenen Manier. Zwei 
Kategorien von Darftellungen fallen befonders in Betracht: männliche 
Köpfe, fo zugefpitzt in Formen und Ausdruck, dafs fie beinahe an Cari- 
caturen ftreifen und dadurch an die bekannten phyfiognomifchen Studien 
Leonardds erinnern und dann Frauenbüllen, gern in Profil geftellt und 
durch den phantaitifchen Kopfputz, die eigenthümliche Haartracht auffallend. 
Die Vorliebe Leonardds für beides und dafs er darin den andern Künftlern 
voranging, ift bekannt. Er liebte es in feinen Studien, die Köpfe mit 
reich und feltfam geformten Helmen zu fchmücken und das Haar der 
Frauen in dicke Flechten zu binden, welche theils von der Stirn nach 
dem Scheitel zurückgebunden, theils über den Ohren in Schneckenform 
gewunden werden und dazwifchen leicht und frei flatterndes Lockenhaar 
zeigen. Unter den in Windfor aufbewahrten Autographen Leonardds 
findet man mitten unter hydraulifche Studien eingeitreut Proben diefes 
Putzes. Michelangelo ging diefen künfllerifchen Spuren nach und hielt 
fich an diefelben, foweit fre feiner Natur entfprachen, zuweilen fo genau, 
dafs man (z. B. bei dem Frauenkopfe in der Ambrofiana Br. 17) an eine 
Verwechslung der Künftlernamen denken, möchte. Als Proben diefer 
Richtung führe ich die Blätter in Oxford (Br. 65, 67, 81), im Britifh 
Mufeum (Br. 21), in Florenz (Br. 185, 188) an. Befonderes Intereffe 
erregt ebendort die Frauenbüfte im Proül mit entblöfster Bruft und reichen 
Haarflechten, mit einem Diadem auf der Stirn und einer Art von Helm- 
raupe auf dem Hinterkopf. Sie wird als das Porträt der Vittoria Colonna 
ausgegeben und mit dem Sonette: wQuanto si gode, lieta e ben contesta 
di fiora gleichfam als Illuftration desfelben in Verbindung gebracht. An 
Vittoria Colonna kann natürlich nicht gedacht werden. Die Zeichnung 
fällt in die frühe Zeit Michelangelds, in welcher er Colonna noch gar 
nicht kannte. Für die damals vorherrfchende Neigung Michelangelds
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.