Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532932
MADONNA 
D ELLA 
SEDIA. 
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kennen. Was uns als die Frucht einer augenblicklichen Stimmung, hervor- 
gerufen und begünftigt durch einen glücklichen Anblick, erfcheint, ift in 
NVahrheit eine allmählich gereifte Schöpfung der Phantafie, bei welcher 
auch weife Erwägungen mitwirkten. Leugnen läfst {ich aber nicht, dafs 
Raffael felbilt zu der erfteren Meinung durch die Fülle des naiven un- 
mittelbaren Lebens verlockt, welche er über die ganze Gruppe ausbreitet. 
Die Madonna ift in der That in Zügen, Ausdruck und Körperbau eine 
echte Römerin; auch ihre Tracht, das geftreifte Kopftuch, ferner das in 
das gefranPre Brufttuch eingewebte Mufter, die Art, wie jenes getragen, 
diefes um die Schultern gewunden wird, zeigt das Weib aus dem Volke. 
Der Wirklichkeit abgelaufcht und mit köitlicher Wahrheit wieder- 
gegeben erfcheint auch die Haltung des Chriftkindes, fo namentlich das 
fpielende Zurückbiegen der Zehen des rechten Fufses. Die technifche 
Ausführung könnte gleichfalls auf den erften Blick zu dem Glauben einer 
rafchen Improvifation verleiten. Raffael hat die Farbe leicht aufgetragen, 
die einzelnen Töne einfach ohne weitere Verbindung neben einander 
gefeftzt, oft nur mit einigen wenigen Pinfelftrichen die Formen angedeutet. 
Dennoch möchte einen argen Irrthum begehen, wer daraus auf eine 
Süchtige Arbeit fchliefsen würde. Die geniale Sicherheit des vollendeten 
Künftlers liefs die kurze Arbeit ganze Arbeit werden. Seine Thätigkeit 
als Frescomaler hatte ihn gelehrt, fich nicht allzufehr auf die Wirkungen 
des Vertreibens der Farben und des wiederholten Uebergehens der ein- 
zelnen Stellen zu verlaffen, fondern die Töne von allem Anfange an feft 
und bleibend zu bilden. Diefelbe Thätigkeit, verbunden mit dem freudigen 
Eingehen auf den malerifchen Stil, hatte ihm den breiten Auftrag, das 
kräftige Schattiren, die modellirende Färbung nahe gebracht. Allen 
Gewinn des römifchen Lebens fetzte er ein, um das liebgewordene 
Horentiner Traumbild der Madonna, welche ftill felig das Mutterglück 
geniefst, noch einmal zu verkörpern, durch die Anwendung grofsartiger 
Kunftmittel zu verklären.  
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Es ift das letzte Mal, dafs Raffael in feinen Schöpfungen auf die 
eigene künftlerifche Vergangenheit zurückkommt, gleichfam einen Rück- 
blick {ich gönnt. Seitdem taucht keine Erinnerung an die Horentiner 
Zeiten in feinen Bildern auf, bewegt er fich ausfchliefslich in den Geleifen, 
Welche erft in Rom gelegt wurden. Beinahe gleichzeitig mit diefer 
Wendung trat auch ein Wechfel in feinem äufseren Leben ein. Papft 
Julius II. ftarb am 20. Februar 1513, 
 Mit Fug und Recht darf feine Regierung als der wichtigfte Mark-
        

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