Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532914
DAS 
VISIONÄRE 
ELEMENT 
DEN 
VOTIVBILDERN. 
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Conytrafte bilden die beiden äufseren wie die beiden inneren Figuren, 
Paulus und Magdalena fowohl wie Johannes und Auguftinus; Contrafte zu 
eingnder bilden ferner die beiden Figuren auf jeder Seite, Paulus und 
Johannes, und dann wieder Auguftinus und Magdalena; wozu dann noch 
urieder Kreuzungen treten: einerfeits die älteren Paulus und Auguftinus, 
andererfeits die jugendlichen Magdalena und Johannes. 
Gehoben wird diefe Vertheilung der Charaktere und gut abgewogene 
Gliederung des Ausdruckes noch durch die harmonifche Farbengruppirung. 
Zwar find durch Reinigen, Putzen und fogenanntes Reftauriren die Mittel- 
töne, die feineren Uebergänge und der zarte Schmelz des Colorits ver- 
loren gegangen, doch erkennt man noch deutlich das von Raffael feft- 
gehaltene Farbenfyftem. Den {tärkiten und intenfivften Ton giebt die 
gelbe mit Gold geftickte Tunica der Cäcilia; in Paulus dominirt das Roth 
des Mantels, durch das grüne Untergewand gehoben; Magdalenafs Kleid 
zeigt eine blauviolette Färbung. Die Milderung und Vermittelung der 
Grundfarben wird durch die beiden Heiligen im Hintergrunde bewirkt, 
die alfo in Bezug auf das Colorit diefelbe Bedeutung beützen, wie hin- 
{ichtlich des Ausdruckes und der Stimmung. 
Das Bild der heiligen Cäcilia hat den Künfiler in die Welt der 
Träume und Vifionen, in eine ihm bisher unbekannte NVelt geführt. S0 
realifiifch auch das Beiwerk verkörpert erfcheint, wie z. B. das von der 
Hand Giovannfs da Udine gemalte Mufikgeräthe zu Füfsen der Cäcilia, 
fo viel Leben und Kraft auch den einzelnen Geitalten innewohnt: immer 
bleibt der Gefammteindruck ein myftifch-fymbolifcher. Ein ähnlich 
gefteigert kirchliches Wefen offenbaren auch die gleichzeitig von Raffael 
gefchaffenen Madonnen: die Madonna di Foligno und jene mit dem 
Fifche. In Votivbildern erhalten naturgemäfs erhöhte Empfindungen 
einen Weiteren Raum, kann auf der anderen Seite eine an das Ceremonielle 
anfireifende fymmetrifche Anordnung nicht umgangen werden. Man darf 
nicht fagen, dafs Raffael nur auf fremden Anfiofs hin, aufserlich fügfam 
folche Scenen darftellte. Gerade das neue Element reizte feine Phantafie 
und lockte ihn zu höchfter Anfpannung feiner Kräfte. Auch entdeckte 
er in jedem Motive Züge, die feiner Natur entfprachen und ihn geradezu 
heimathlich anwehten. Aber er verdammte feine frühere Richtung nicht. 
Während er an den dramatifch bewegten Fresken in der Stanze Heliodofs 
arbeitete, ergreifende Vifionen verkörperte, erhabene Gnadenbilder malte, 
übermannte ihn die Sehnfucht nach den alten einfachen Gegenfianden 
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