Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532736
DIE 
VERTREIBUNG 
HELIODORS. 
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geworden, läfst Heliodor die goldgefüllte Urne fallen und ift felbft zu 
Boden geftürzt. Noch hält er die Lanze in der Rechten und mit der 
Linken ftemmt er Sfiöhwauf, als wollte er {ich erheben. Dem angfter- 
füllten Blicke fleht man es aber an, dafs er an die Rettung nicht mehr 
glaubt und im nächften Augenblicke von den Hufen des anfpringenden 
Roffes zermalmt zu werden erwartet. Raffael hat niemals eine kühnere 
Figur gezeichnet und eine fo ausdrucksvoll lebendige GePcalt verkörpert. 
Das Verdienft darf er ausfchliefslich für fich in Anfpruch nehmen; denn 
diesmal hat ihm kein Vorbild die Bahn gewiefen, kein antikes Mufter 
ihn angeregt. Ganz allein durch das Eindringen in die Worte des 
Textes, mit Hilfe feiner Phantafie hat er die Stellung, die Bewegung 
und den ganzen Charakter Heliodons gefchaffen. Alles erfcheint fo 
natürlich und iff doch fo tieffinnig bedacht worden. (Fig. 67.) 
Eine ähnliche Kraft und Wahrheit der Schilderung fpricht aus 
Heliodors Gefolge. Der Nächfte greift zwar an das Schwert; doch 
wird er llCh nicht zur Wehre fetzen, fondern wie der weit ausfchreitende 
Fufs, die vorgebeugte Haltung des Körpers zeigen, in der Flucht fein 
Heil fuchen. Die anderen, vollbepackt, haben kein anderes Streben, als 
ihre Beute zu bergen. Die Angfcm und Sorge, ob es wohl gelingen werde, 
prägt {ich in den Zügen des einen Flüchtlings, der den Kopf dem Reiter 
zuwendet, aus; zu verdoppelter Eile werden die Plünderer im Hintergrunde 
angetrieben. Gegenüber dem windesfchnellen Stürmen der himmlifchen 
Rächer erfcheinen aber ihre Bewegungen ganz lahm und, dafs fie ver- 
loren find, dem Befchauer zweifellos. 
Den Wiederfchein des wunderbaren Ereigniffes malte Raffael auf der 
linken Seite." Hier hatte fich ein vWeiberhaufen, voln der Neugierde ge- 
trieben oder von der Andacht bewegt, verfammelt. Die vorderften 
knieen, vereinigen ihr Flehen mit dem Gebete des Hohenpriefters, als 
fie plötzlich die himmlifche Erfcheinung erblicken und ihre Peiniger in 
die Flucht gefchlagen wahrnehmen. Gewaltiger Schrecken bemächtigt 
{ich aller. Zu lautem Auffchrei öffnet die eine den Mund, fie wendet 
den Leib ab, und Pcreckt die Arme wie abwehrend aus, während die 
zunächft knieende Mutter ihre Kinder unwillkürlich zufammenrafft, ein 
drittes Weib zu fchleuniger Flucht fich kehrt und die weiter hinten 
Pcehenden Frauen in einflzimmigem Chore mit der Hand auf die Boten 
_Iehova's und ihre Retter hinweifen. junge Männer endlich haben den 
hohen Sockel einer Säule erklommen, um eine beffere Ueberiicht der 
Scene zu gewinnen. So pflanzt {ich die Bewegung bis in den Hinter- 
grund und in die Nähe des Altars fort, wo fie wieder in die ftillere 
andächtige Stimmung übergeht.  
Springer, Raffael und Michelangelo. r. 18
        

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