Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532602
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VII. 
DIE 
STANZA 
UELIODORO. 
cap. I2) König Herodes geworfen hatte. Durch alle vier Wandbilder 
weht demnach ein gemeinfamer Zug, in allen greift ein Abgefandter des 
Himmels in die Handlung entfcheidend ein und führt die Kataftrophe 
herbei. Die Handlung felbfl; hat Pcets zum Ziele die Befreiung des Glau- 
bens und die Rettung der Kirche. Man könnte daher annehmen, dafs 
alle vier Darftellungen, wie fie innerlich verwandt find, fo auch äufserlich 
zu gleicher Zeit erfafst wurden und einem einheitlichen Gedankenkreife 
den Urfprung verdanken. Die genauere Betrachtung enthüllt aber einen 
wefentlichen Unterfchied zwifchen der Befreiung Petri und den übrigen 
Wandgemälden. Bei der Befreiung Petri allein ift kein Papft gegenwärtig, 
während in den anderen Darftellungen ftets der Papft mit feinem Gefolge 
Platz gefunden hat und eine mehr oder minder bedeutende Rolle fpielt. 
Scheint es doch, dafs dem Künftler kaum weniger warm an das Herz 
gelegt wurde, den Papft zu verherrlichen, als die hiftorifchen Vorgänge 
lebendig und ergreifend auszumalen. 
Aus welchem Grunde hat man nur bei dem erfteren Bilde davon 
abgefehen? Wir erinnern uns, dafs die Meffe von Bolfena, die Vertrei- 
bung Heliodors und die Flucht Attilasfraachweislich noch zu ]ulius' II. 
Zeiten entworfen wurden. Von dem vierten Bilde ift diefer frühe Ur- 
fprung nicht bekannt; im Gegentheile wird angenommen, dafs Leo X. 
in dem Schickfale des Apoftelfürften das eigene vorgebildet glaubte, in 
verfteckter Weife in der Befreiung Petri feine Erlöfung aus der fran- 
zöfifchen Gefangenfchaft nach der Schlacht bei Ravenna (11. April 1512) 
verherrlichen wollte und die Rettung Petri aus dem Kerker auf die vierte 
Wand zu malen befahl. S0 drängte fich die politifche Anfpielung in die 
monumentale Kunft ein und verwandelte die letztere beinahe in ein blofses 
Räthfelfpiel. Es herrfcht zwar die Meinung, dafs Leo X. diefe häfsliche 
Uebung bereits vorgefunden und nichts gethan habe, als das Werk 
Julius" II. fortzufetzen. Man vermuthet ähnliche Anfpielungen auf Ereig- 
niffe der unmittelbaren Gegenwart auch in den übrigen Bildern der 
zweiten Stanze, ja einzelne Erklärer gehen fo weit, alle Gemälde in diefer 
und den folgenden Stanzen in eine unmittelbare Beziehung zu dem 
lateranifchen Concil zu fetzen, welches vom 3. Mai 1512 bis 16. März 1517 
Pin Rom verfammelt war. Raffaefs Fresken follen nach diefer Anficht 
die Thätigkeit des Concils verherrlichen, feine Befchlüffe illuftriren. Ge- 
wifs träfe Raffael kein Tadel, dafs feine Phantafie von grofsen Ereig- 
niffen der Gegenwart {ich ergriffen zeigt, feine Kunft diefelben wieder- 
fpiegelt. Noch weniger verdiente der Papft dafür einen Vorwurf, dafs 
er einen, wenn auch mehr durch politifche Künfte als durch kirchliche 
Macht errungenen Triumph in feinen Prunkgemächern verewigt fchauen
        

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