Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532584
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VII. 
DIE 
STANZA 
UELIODORO. 
niedergelaffen und hält in der einen Hand läffig ein Buchy während lie 
mit der anderen das Chrifikind umfangt, das {ich von feinem Sitze im 
Schoofse der Madonna erhebt, um von dem knieenden johannesknaben 
das dargereichte Rohrkreuz zu empfangen. Der Grundton ift in der 
Madonna Alba (wie in dem gleichzeitigen und vielfach verwandten 
Kupferftiche Marcantods: die Madonna mit dem langen Beine) florenti- 
nifch. Sieht man aber näher zu, fo entdeckt man nicht allein in Einzel- 
heiten, wie in den Sandalen der Madonna, in den Bergzügen im Hinter- 
grunde der Landfchaft römifche Erinnerungen; noch ungleich ftärker 
deuten der ernfte Ausdruck des Chriltkindes und die ehrerbietigen 
Geberden des Johannes {die Aenderung in der Auffaffung an, welcher 
bald auch ein Wechfel im Stile, in der Formengebung und im Colorit 
folgen follte. Um über diefe letztere Wandlung volle Klarheit zu erlangen, 
thut es aber Noth, zur Hauptthätigkeit Raffaels zurückzukehren und 
{eine künftlerifche Entwickelung auf dem Gebiete der Frescomalerei, wo 
fle {ich genauer beobachten läfst, zu fchildern. 
Die Arbeiten in den Stanzen wurden, fo lange julius II. lebte, keinen 
Augenblick unterbrochen. Qleich nach der Vollendung der Stanza clella 
Segnatura ging Raffael an die Ausfchmückung der anftofsenden Kammer, 
welche nach dem hervorragendften Wandgemälde die Stanza d'Eliodoro 
genannt wird. Vor Raffael hatten hier bereits andere Künftler gemalt; 
doch wurden bekanntlich auf Befehl des Papftes alle Bilder abgefchlagen, 
um für Raffaefs Schöpfungen Raum zu gewinnen. Nur die dekorative 
Einrahmilng der Decke, eher die Spuren Sodomas tragend als Peruzzfs, 
deffen Thätigkeit in diefer Stanze von Einzelnen vermuthet wird, blieb 
ftehen. Aehnliche Verhältniffe traten alfo an Raffael heran, wie bei der 
esften Stanze; ähnliche Fragen wie dort liegen uns auch jetzt wieder 
zur Löfung vor. Hat {ich Raffael durch den älteren Bilderfchmuck 
ftofflich beftimmen laffen, die Gegenftände der Daritellung im Wefent- 
lichen beibehalten und nur in den Formen diefelben erweitert und ver- 
gröfsert? Hat ferner Raffael an den eigenen Compofltionen Während der 
Arbeit keine wichtigen Aenderungen vorgenommen? Reiften fie erlt all- 
mählich, oder hat er gleich von allem Anfange den rechten Ton getroffen? 
Und endlich, wie weit war er von fremdem Willen abhängig, welchen 
Antheil haben dritte Perfonen an dem hier verkörperten Gedankenkreife? 
Das Material, um auf alle diefe Fragen eine genügende Antwort zu 
geben, ifl nicht fo reichhaltig, als der Anfchein vermuthen läfst. Es hat
        

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