Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532468
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RAFFAEL 
IN 
ROM 
UNTER 
JULIUS 
empfangen. Die Mehrzahl der Gruppen erfcheint vielmehr felbftandig 
geftellt und beinahe abgefchloffen. Um fo nothwendigei" war es, die 
beiden Philofophen für den Befchauer als die Hauptgeftalten zu charakte- 
riflren. Und diefes gefchah am wirkfamften fo, dafs der Vordergrund 
vor ihnen frei blieb, der Blick des Betrachtenden ohne jeden Aufenthalt 
fle trifft. Raffaels Vorausficht hat fich glänzend bewährt. Wer vor die 
Freske tritt, deffen Auge wird ftets zunächft von den Gefizalten Platon's 
und Ariftoteles gefangen genommen, die allein in der Mitte der Halle 
ftehen und, obgleich dem Auge am entfernteften, dennoch der Phantaiie 
am nächften erfcheinen; und wenn auch dann die Aufmerkfamkeit den 
anderen Gruppen {ich zuwendet, bei den Geftalten des Vordergrundes 
verweilt und erft allmählich wieder auffteigt, am Schluffe kehrt fle doch 
zu Platon und Ariftoteles zurück, welche die Scene beherrfchen und als 
die Gröfsten und Mächtigften der ganzen Gemeinde flch offenbaren. 
In ihrer Nähe hört das Fragen und Schreiben auf, legt {ich das 
Drängen und Wogen, der Aufruhr der Geifter. In ehrfurchtsvolles 
Schweigen gehüllt ordnen flch ihre Schüler Linwillkürlich in zwei Reihen; 
alle, die begeifterten Jünglinge, die welterfahrenen Greife, befeelt gleich- 
mäfsig ein Gefühl der Bewunderung und Verehrung ihrer Meifter. 
Ariitoteles, jünger, fchlanker, lebhafter im Wefen, faft leidenfchaftlich im 
Ausdruck, ftreckt gebietend die Rechte aus, Platon dagegen, ein würdiger 
Greis mit langem Barte, das Haar wie von Begeifterung leife bewegt, 
das Gewand in ruhige Falten gelegt, weift mit erhobener Rechten zum 
Himmel empor. Wie erfüllt {ich da das Bild, welches die humaniftifche 
Philofophie von den beiden Helden entworfen, von Ariftoteles, der die 
Natur und das Wefen der Dinge, ihr Maafs und ihre Zahl ergründet, und 
von Platon, der die Gedanken von den natürlichen Dingen zu ihrem 
Schöpfer, zu Gott, emporführt. Wenn uns noch ein Zweifel über die 
Herkunft und Grundlage des Bildes geblieben wäre; im Angeficht diefer 
beiden Geflalten erkennen wir es unwiderleglich: In der Schule von 
Athen hat Raffael die Ideen des humaniftifchen Zeitalters von den auf- 
fteigenden Stufen der Erkenntnifs, von der Harmonie des Wiffens mit 
dem religiöfen Glauben, von der Einheit der platonifchen Philofophie 
mit der Theologie verkörpert. Und jetzt verftehen wir auch Vafarfs 
Befchreibung der Freske- Ihn hatten fpätere Kupferftiche, nach ver- 
einzelten Gruppen angefertigt und mit irrigen Infchriften verfehen, auf 
eine falfche Fährte geleitet, aber doch nicht völlig gehindert, dafs in 
feiner Erinnerung der richtige Inhalt des Bildes dämmere. xDie Theo- 
logen bringen die Philofophie und Afirologie mit der Theologie in Ein- 
klanga, fagt er das eine Mal, und an einer anderen Stelle: xDie Philo-
        

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