Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532355
DER 
GEDANKENKREIS 
SCHULE 
VON 
AT HEN. 
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Stufen mufste von dem Philofophirenden überfchritten werden, ehe er 
Würdig und fähig erfchien, die Lehren der höchPcen Weisheit anzuhören. 
Zunachil galt es, die Wiffenfchaft der Arithmetik zu erproben. Gott 
felbPc hat den Menfchen die Zahlen gefchenkt, als das nothwendige Mittel, 
die Ordnung und Gliederung der Dinge zu erkennen. Ihr folgen die 
Geometrie, welche die Maafse erkennt, die Aftronomie, welche 
die Himmelskörper betrachtet, und die Mufik, durch die Nachahmung 
llimmlifcher Harmonieen entftanden. Näher an die Philofophie rücken 
die Phyfik heran, welche die Gattungen, Zufammenfetzungen der Körper 
Prüft, die Gefetze der Bewegung und Entwickelung der Thiere befchreibt 
und die Heilkräfte der Natur ergründet, fowie die Dialektik und 
Metaphyfik. Den Gipfel aber bildet die mit der Platonifchen Philo- 
fOphie zufammenfallende Theologie, die Königin aller Wiffenfchaften, 
die überall nur Gott findet und Gott anbetet. 
Diefer Gedankenkreis, in den Schriften und Briefen der Humaniften 
dCS Quattrocento von Poggio und Gemisthus Plethon bis auf Marfilio 
Ficino und Sadolet immer und immer Wiederkehrend und geradezu typifch 
allSgeprägt, bildete die Grundlage der Raffaeffchen Schule von Athen. 
Zwei Aufgaben wurden zunächfit durch denfelben dem Künftler geftellt. 
Er follte die Helden des Geiftes fchildern, welche nach dem Glauben 
der Zeit den NVeg zur Wahrheit den lVlenfchen gewiefen und die rechte 
Weisheit, die zu Gott führt, gelehrt haben. Dann aber war auch der 
ßascensusr, die Stufenreihe, welche von den vorbereitenden Wiffenfchaften 
bis zum Gipfel der Philofophie erklommen werden mufste, anfchaulich 
Zu gePcalten. In diefen vorbereitenden Disciplinen begrüfsen wir das 
trivium und quadrivium des Mittelalters, die uns vvohlbekannten fieben 
freien Künfte. Sie Waren fchon in früheren Jahrhunderten ein geläufiger 
Gegenftand bildlicher Darftellung, fie haben auch jetzt noch nicht ihre 
Anziehungskraft verloren. Nur werden ihre Vertreter ausfchliefslich 
unter den Weltweifen des Alterthums gefunden, mit ihrer Schilderung 
die Verherrlichung der berühmteften griechifchen Philofophen veriiochten: 
Die Löfung diefer beiden Aufgaben hätte aber noch immer kein vollendetes 
Kunftwerk gefchaffen. Zu ihnen tritt eing dritte, eine künftlerifche Auf- 
gabe hinzu: Leben und Handlung in die Scene zu bringen, Seele den 
einzelnen Geftalten einzuhauchen, durch charakteriftifchen Ausdruck die 
paffiven Träger abfirakter Vorftellungen oder zufällige Portraite zu wirk- 
lichen Männern der That zu erhöhen. Und diefe letzte Aufgabe wurde 
fogar die erfte und oberfie. Sie verlieh Raffael das Recht, ja band ihm 
die Pflicht ein, den überlieferten bis dahin todten Stoff noch einmal 
in der Phantafie zu erzeugen, durch neue Geftalten zu ergänzen, die
        

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