Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532322
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RAFFAEL 
IN 
ROM 
UNTER 
JULIUS 
einer der erfien Vorboten jener unfeligen Richtung, welche ein Menfchen- 
alter fpäter fiegen und die Blüthe des italienifchen Geiftes graufam zer- 
treten follte, ift in dem Buche des Cardinals von Corneto über die wahre 
Philofophie, zum erften Male 1507 in Bologna gedruckt, niedergelegt. 
DieiPerfönlichkeit des Cardinals von Corneto oder Adriano Caftelleffs 
gehört zu den bekannteften in der römifchen Hofgefchichte. Für ihn 
war angeblich das Gift bePtimmt, welches durch zufällige oder abflcht- 
liche Verwechslung der NVeinHafchen Papft Alexander Borgia trank. 
Unter den lateinifchen Dichtern feiner Zeit nimmt er nicht den niedrigften 
Rang ein; er war einer der früheiten Gönner Bramantds, dem er den 
Bau feines PalaPtes im Borgo anvertraute. Mit den Papften verftand er 
es nicht, gute Freundfchaft zu halten. Schon im Herbfte 1507 entHoh er 
heimlich aus Rom, die Rache ]ulius' II. fürchtend, von dem er übel ge- 
fprochen und gefchrieben haben follte. Bei dem Verhör hatte ihn der 
Papft, wie der Cermonienmeifter Paris de Graffis berichtet, fo furchtbar 
angefahren  terribiliter increpavit  dafs er fchon Gefängnifs und 
noch Aergeres vor Augen fah und {ich lieber nach Riva am Gardafee 
verbannte. Erft nach dem Tode julius" II. kehrte er nach Rom zurück. 
Aber fchon nach einigen Jahren (1517) fehen wir ihn wieder in eine 
Verfchwörung gegen Leo X. verwickelt und abermals auf der Flucht, 
auf welcher er fpurlos verfchwand. Es überrafcht, einen folchen aben- 
teuerlichen Charakter und überwiegend politifchen Mann unter den eif- 
rigPten Verfechtern ftrenger kirchlicher Gefinnung zu finden. Oder war 
vielleicht die politifche Oppofition die Triebfeder, einen Schlag gegen 
den vielfach begünfiigten, gleichfam officiell anerkannten Humanismus zu 
führen? 
s. Der Titel des Buches: de vera philosophia ex quattuor doctoribus 
ecclesiae giebt fchon über Ziel und Richtung Auffchlufs. Was über die 
von den Kirchenvätern uns mitgetheilte religiöfe Erkenntnifs hinausgeht, 
ift darnach vom Uebel, jede Lehre, welche von der Offenbarung {ich 
unabhängig {tellen will, verderblich. Die Quelle des Heils entfpringt 
nicht in den Gärten der Epikuräer, nicht in den Hallen der Stoiker, 
nicht in der Akademie Platons, fondern in Chriftus allein. nNicht Platon 
und Axiftoteles, nur Petrus und Paulus dürfen unfere Führer feine Die 
Leidenfchaft, mit welcher diefe Satze vorgetragen werden, der Zorn, der 
über Platon und Ariftoteles  beide nur werth, in der Hölle zu braten  
ausgegoffen wird, beweifen, wie Zweit der Verfaffer und feine Anhänger 
noch davon entfernt Waren, die Gunft der öffentlichen Meinung zu be- 
fitzen, wie mächtig noch die humaniftifche Strömung auch in den 
römifchen Hofkreifen vorherrfchte. Fand es doch Leo X. einige Jahre
        

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