Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532264
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RAFFAEL 
ROM 
UNTER 
JULIUS 
Die Handzeichnung in der Oxfordfammlung, wo überdies nächft der 
Albertina in Wien, dem britifchen Mufeum und der Wicarfammlung in 
Lille die werthvollflen Detailftudien für den Parnafs vorhanden find, 
offenbart uns, dafs die Haupttheile des Gemäldes fchon frühzeitig feft- 
ftanden. Nur die Gruppen am Fufse des Hügels, insbefondere die 
fitzenden Figuren danken einer fpäteren Umarbeitung des Gedanken- 
kreifes, dem Wunfche eines kräftigeren Abfchluffes der ganzen Scene 
ihren Urfprung. Die Geftalten, die er zu malen hatte, mufste er nicht 
erft von langer Hand zufammenfuchen, wie es doch theilweife für die 
Disputa und Schule von Athen {ich nothwendig erwies. Sie waren alle 
im höchften Grade volksthümlich und in den Kreifen, aus welchen er 
feine Anregungen fchöpfte, als Ideale feurig verehrt. Wohl kannte 
Raffael die göttliche Natur des Mufik-Erfinders Apollo und wufste, dafs 
die göttliche Leidenfchaft, der xfuror divinuse , welcher dem wahren 
Dichter innewohnt, vor Allen in Homer und Orpheus, in Hefiod und 
Pindar verkörpert war. Die Namen Sappho und Virgil klangen ihm 
nicht fremd, und dafs die grofsen italienifchen Dichter die rechten Erben 
und unmittelbaren Nachkommen der klaffifchen Poeten lind, galt ihm 
gewifs wie allen Zeitgenoffen als fefte Glaubensregel. Um den rechten 
Ton der Schilderung anzufchlagen, durfte er nur auf die begeifierten 
Worte hinhorchen, in welchen feit einem Jahrhundert die beften Männer 
Italiens das Wefen und die Macht der Poefie priefen. Er erfuhr dann, 
dafs die Poefie von Gott ftamme und zu Gott führe, dafs den Dichter 
göttliche Töne begeiflern, und die Mufen ihn in einen Raufch verfetzen, 
welchen er fingend auch feinen Zuhörern mittheilt. Auf Grund diefer 
Anfchauungen entwarf Raffael fein Bild. 
Unter Lorbeerbäumen auf dem Felfen, welchem die Hippokrene 
entfpringt, thront der bekränzte Apoll. Ein leichter rother Mantel deckt 
Oberarm und Schoofs, fo dafs fein jugendlicher Körper (Studie mit der 
Feder gezeichnet in Lille, Br. 93) beinahe völlig in nackter Schönheit 
ftrahlt. Kopf und Blick hat er gegen den Himmel gerichtet und horcht 
in füfser Sielbflvergeffenheit den Tönen, welche er feinem Inftrumente 
entlockt hat. Raffael gab ihm nicht die Lyra, fondern wie Dürer, 
Francia und andere Maler_eine Geige in die Hand. Darüber haben flch 
die fpäteren Kunftkenner wahrfcheinlich viel mehr Gedanken gemacht, 
als der Künfiler felbfi, der eben hier nicht den durch die alte Kunft 
fixirten Typus des Olympiers, fondern den in der Renaiffance noch un- 
mittelbar lebendigen Sangesgott darftellen wollte, und welcher die Lyra, 
bereits als Attribut einer Mufe benutzt, nicht zu wiederholen liebte. In 
der unmittelbaren Nahe Apolfs lagern in nahezu gleichen Stellungen
        

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