Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532141
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RAFFAÄEL 
ROM 
UNTER 
J ULIUS 
couliffe, noch von der Frauengeftalt, die vor dem Baue mit ivehendem 
Gewande auf NVolken fchwebt und mit der Hand nach oben weift, hat 
fich in den fpäteren Entwürfen oder im ausgeführten Bilde auch nur die 
leifefie Spur erhalten. Dagegen offenbaren die auf einer Art von Platt- 
form geordneten Figuren fchon mannigfache Keime der fpäteren Grup- 
pirung. Links im Vordergrunde fitzt, das Haupt aufwärts dem Himmel 
zugewendet, ein Mönch. In ihm zeichnete Raffael den begeifierten Seher, 
wie in der fitzenden Figur mehr in der Mitte, welche ein Buch in den 
Händen hält, den gelehrten in den heiligen Schriften forfchenden Theo- 
logen. Diefe letztere Geiialt kehrt (als heiliger Hieronymus) in der Freske 
wieder, ebenfo der knieende andächtig laufchende Jüngling und der andere, 
welcher vorgebeugten Leibes in das Buch zu blicken trachtet, links zur 
Seite des Heiligen. Die Perfonen des Hintergrundes nehmen noch keinen 
beftimmten Antheil an der Handlung, find gleichfam nur als Zufchauer 
gedacht und wurden bei den fpäteren Entwickelungsfttifen der Compofition 
befeitigt. Doch gingen lie nicht ganz verloren. Als Raffael die Schule 
von Athen entwarf, erinnerte er {ich der Gruppe ftehender Männer links 
im Hintergründe der NVindforzeichnung und ordnete das Gefolge in der 
Nähe des Philofophenfürlien in ähnlicher Weife an. Das Studium der 
erften Entwürfe zu den grofsen Fresken lehrt uns nicht allein die Pcrenge 
Gefetzmäfsigkeit in der Entwickelung der Compofition kennen, fo dafs 
wir im Stande find, für jede folgende Aenderung den ausreichenden 
Grund anzugeben, es enthüllt uns auch den wunderbaren Reichthum der 
Raffaelifchen Phantafie. Ueber welche Fülle von Gefialten mußte er 
verfügen, dafs er niemals zu forgen brauchte, es könnte über dem Aendern 
und Beffern, dem W eglaffen und Zufügen der Strom der Erfindung ver- 
fiegen. In einzelnen Augenblicken mufste ihn der ftürmifche Schöpfungs- 
drang geradezu übermannen. Da tauchten immer neue Geftalten in 
feiner Phantafle auf, die {ich nicht unmittelbar auf beftimmte Bilder be- 
ziehen, gleichfam als der Wiederhall der Stimmung, in welche ihn Bilder- 
reihen verfetzten, erfcheinen. Das britifche Mufeum bewahrt z. B. ein 
Blatt (Br. 90), das in die erften römifchen Jahre fallen mufs, von oben 
bis unten mit nackten Geftalten angefüllt, bei aller Haft der Zeichnung voll 
Charakter, die nicht als Studien zur Disputa oder zur Schule von Athen 
gelten können, aber doch offenbar verwandten Gedankenkreifen angehören. 5') 
Wir find nicht mehr im Stande, die Entwickelung der Compofition 
3) Die Federzeichnung mit breiten 
Strichen fchraffirt, trägt merkwürdiger 
Weife ganz das Gepräge der Skizzen 
Michelangelos" in feiner Jugendperiode 
und müfsteüiliftifch eigentlich diefem 
zugefchrieben werden.
        

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