Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532051
DIE 
BILDER 
DEN 
ECKFELDERN. 
209 
führt uns nothwendig in den religiöfen Gedankenkreis; die Krönung 
Apolls und Beftrafung des Marfyas iPt eine Huldigung, der echten und 
wahren Poefle dargebracht; das Urtheil Salomons offenbart ein Mufter 
der Gerechtigkeit. Nur bei der Befchreibung des vierten Eckbildes 
ftocken wir unwillkürlich. Wir erwarten in Uebereinftimmung mit den 
bisher beobachteten Vorgängen ein hiftorifches Ereignifs zu fchauen, 
welches die Macht der Philofophie, ihr Weben und Walten eindringlich 
lehrt. Raffael hat aber eine folche Scene nicht gefucht oder nicht 
gefunden. Er führt uns eine allegorifche Figur vor Augen, welche eher 
als Rundbild gepafst hatte und in der That auch in ähnlicher Weife 
wie die Rundbilder componirt iPr. 
Ueber eine auffallend dünn gemalte Himmelskugel beugt {ich ein 
Weib herab. Staunend betrachtet f1e das Sternenmeer, das auf der 
Himmelskugel vor ihren Augen flch ausbreitet. Mit dem einen Arm 
ftützt f1e fich, um beffer fehen zu können, auf die Kugel, die andere flrCClit 
f1e mit entfprechender Geberde in die Höhe. Diefer ßAÜYOHOmiCK 
zur Seite ftehen auf Wolken fufsend zwei geflügelte Knaben mit Büchern 
in den Händen. Allzufern würde es nicht liegen, zu muthmaafsen, clafs 
Raffael eine in den Rundbildern nicht verwerthete Compofition hier 
untergebracht hätte, um flch aus der Noth zu reifsen. Jedenfalls fallt 
die fogenannte Afironomie vollfländig aus dem Tone heraus, welchen 
die anderen Eckbilder anfchlagenßi) 
Dreimal hat Raffael den Sündenfall, diefen Lieblingsgegenftand 
der neueren Kunft, verkörpert. Wie die Sünde durch das Nafchen vom 
Baum der Erkenntnifs in die Welt kam, fo kam durch die Schilderung des 
Sündenfalls das profane Element, die Freude am Nackten in die Kunit. Die 
Kirche mochte immerhin gegen die Darltellung des Nackten, Sinnereizenden 
eifern. In diefem Falle mufste f1e es dulden, ja bei der Wichtigkeit der 
Lehre vom Sündenfall für die Gläubigen fogar einen ausgezeichneten Platz 
in dem geheiligten Bilderkreife ihm zugeftehen. Die Figuren Adam's 
und Evas werden fchon im Mittelalter eine fruchtbare Schule, den Formen- 
fxnn zu üben, den fchönen Bau des menfchlichen Leibes zu erkennen. 
Wer die Statuen unfrer Stammeltern an gothifchen Domportalen, wo f1e 
am häufigften wiederkehren, aufmerkfamen Auges betrachtet, wird bald 
zu der Ueberzeugung kommen, dafs f1e mit befonderer Liebe von den 
wackeren Steinmetzen des Mittelalters gemeifselt wurden und nicht felten 
einen gröfseren Fortfchritt in der Kunfl: bekunden, als die benachbarten 
Bildwerke. Es verdient bemerkt zu werden, dafs die beiden Denkmale, 
 Federzeichnung für die Hauptügur 
Springer, Raffael und Michelangelo. I. 
in 
der 
Albertina. 
(Paff. 
14
        

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