Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1532042
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RAFFAEL 
ROM 
UNTER 
JULIUS 
die Erde in Erinnerung. Wie fehr diefe fymbolifche Gelehrfamkeit der 
Wirkung der reinen, fchönen Formen fchade, lehrt der Vergleich mit 
der Theologie und Poefie. Der Typus der Frauen weicht nicht wefent- 
lich ab; der impofante Schlag der römifchen Weiber erfüllt bereits das 
Auge des Meifters; auch die Anordnung der Gewänder, der Gürtel dicht 
unter dem Bufen, der über die Kniee geworfene Mantel treffen überall 
zu. Die fymbolifchen Farben zerreifsen aber bei der Philofophie den 
einfachen Wurf des letzteren und laffen fo wirkfame Contrafte, wie f1e 
z. B. der blaue Mantel und das gelblichweifse baufchige Untergewand 
der Poeiie zeigen, gar nicht zu. 
Die letzte allegorifche Figur Pcellt die Gerechtigkeit dar. Sie 
ift in der überlieferten Weife mit Schwert und Wagfchale ausgerüftet 
und mit einer Krone gefchmückt. Raffael mag vielleicht felbfi empfunden 
haben, dafs das Fefthalten an der Tradition die Lebensfülle und die 
Reize der Schilderung nicht erhöhe und legte, um eine Art von künft- 
lerifchem Gleichgewichte herzuftellen, auf die begleitenden Genien ein 
grofseres Gewicht als fonft. Er verdoppelte ihre Zahl. Zwei mit Flügeln ver- 
fehene Knaben tragen Schrifttafeln, auf welchen zu lefen fleht: JVS SVVM 
VNICVIQVE TRIBVIT. Zwei andere unter ihnen auf Wolken reitend 
oder fxtzend ergänzen die Gruppe. In ihnen begrüfsen wir bereits präch- 
tige Proben jener Götterbuben, welche nur Raffael zu fchaffen verftand 
und feitdem mit immer gleicher Liebe und immer gröfserer Kunit fchuf. 
Als noch die Gemälde beffer erhalten waren, mufste die Decke in 
der Stanza della Segnatura einen wunderbar glänzenden Eindruck hervor- 
rufen. Die vier allegorifchen Geftalten hoben fich von dem goldigen 
Hintergrunde lebendig ab. Diefer dampfte die fonft allzuftarken Farben 
befonders der Gewänder und wurde feinerfeits wieder durch die auf- 
{teigenden Wolken, die befonders leicht und duftig auf dem Bilde der 
Poefle geriethen, von dem Starren und Harten befreit. Jedes Rundbild 
befafs überdies einen reichen Ornamentrahmen, im Geifte der älteren 
Schule noch von Sodoma componirt. Derfelbe weckt in gleichem Maafse 
einen heiteren und feftlichen Schein. 
Zum vollkommenen Schmucke der Decke gehören aber noch vier 
Bilder, in den kleinen länglichen Eckfeldern gemalt. Sie liefern Proben, 
geben Beifpiele von dem Wirken der Geiftesnlächte, die wir eben bewundert, 
und erläutern fo in lebendig fafslicher Art ihr Wefen. Die Schilderung 
des Sündenfalles, welcher als die Vorausfetztmg des Erlöftlngswerkes gilt,
        

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