Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531984
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RAFFJXEL 
ROM 
UNTER JÜLIUS 11. 
bekenptnifs eines ganzen grofsen Jahrhunderts vielmehr ift in Raffaefs 
Gemälden niedergelegt, die Ideale des Humanismus, diefes herrlichften 
hiftorifchen Traumes, in ihnen ivierkörpert. Das kann uns darüber tröften, 
dafs wir den Namen des Mannes, der Raffael den allgemeinen Inhalt der 
Darftellungen gleichfam in den Stift und Pinfel dictirt hat, nicht kennen. 
Auch diefer trat nur als der Dolmetfcher weit herrfchender und tief 
wurzelnder Gedanken auf und mufste fich mit der Rolle eines blofsen 
Vermittlers begnügen. Dann aber müffen wir laut bekennen: das Befte 
und Gröfste leiftete auch in diefem Falle erPt der Künftler. SelbPr wenn 
epinfMann der umfaffendflten Gelehrfamkeit und des reichlten NViffens zum 
Rathgeber Raffaefs berufen wurde, fo blieb doch alles, was er bot und 
fagte, roher Stoff, der erft dann Leben empfing, als ihn die Phantafie 
des Künftlers anhauchte. Zudem Körper, in welchen Raffael den ihm 
überwiefenen Gedankenftoff kleidete, fchenkte er und er allein die Seele. 
Es iPc ja nicht das erPre und einzige Mal, dafs ein folcher fremder, 
gelehrter Beirath in der italienifchen Kunlt wahrgenommen wird. Nam- 
hafte Humanillen wurden um ihr Gutachten erfucht, als Ghiberti die 
Bronzethüre des florentiner Baptifteritims gofs, welche Scenen fle wohl 
für die künfllerifche NViedergabe empfehlen würden. In der paduaner 
Schule war die Mitwirkung der Gelehrten und Dichter bei Bilderbe- 
ftellungen durchaus nicht felten. Von Gemälden Peruginds wiffen wir 
urkundlich, dafs ihm der Gegenftand genau und eingehend von dritter 
Hand vorgefchrieben wurde. Auch Michelangelo, als er die Decken- 
bilder in der Sixtina entwarf, war gewifs an äufserliche Beftimmungen 
in Bezug auf die Wahl der Scenen und Geftalten gebunden. Wem 
würde es aber einfallen, darin eine Schmälerung des ktinftlerifchen Ver- 
dienftes zu entdecken oder den Löwenantheil an der Schöpfung dem 
Maler deshalb abzufprechen? Ein Beifpiel aus uns nahe liegenden Krcifen 
dürfte am beften zur Vergleichung {ich eignen. 
Als das reiffte Werk Dürer's, als die eigenthümlichfte Schöpfung, 
die wir feiner Phant-afle verdanken, begrüfsen wir die vier Apoftel oder 
vier Temperamente in der Münchner Pinakothek. Fragen wir nach dem 
Kriliafs undßäitifseren Urfprung des 1526 vollendeten Doppelbildes, fo 
werden wir zunächft in Ulrich Hutten's vVermanungen an die freie 
und Reichftat deutfcher Nation I522r verwandte Gedanken ausgefprochen 
finden, die Dürefs Gemälde verkörpert. Die freien Städte mögen fich 
mit dem Adel einigen gegen die Machte, welche die Wahrheit nicht 
leiden mögen, welche Gottes Wort zum Schweigen bringen und das 
Evangelium wie Rauch behandeln. Doch ift bei Hutten nur ein ähn- 
licher allgemeiner Ton anklingend. Viel näher fleht Dürer's Bilde
        

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