Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531975
DER 
INHALT 
DER 
FRESKEN. 
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erfinderifche Kraft voraus. Für die einzelnen Darftellungen mochte Raffael 
immerhin malerifche Vorbilder anrufen. Im Halbkreife um Chriftus himm- 
lifche Schaaren zu gruppiren hatte er felbft in der Freske von San Severo 
verfucht. Das ßild Apollds von den Mufen umgeben mufste ihm aus 
feiner jugendzeit von Urbino her als Erinnerung leuchten. Dort war 
es im Bibliotlygkfaale des Schloffes, im Auftrage des Herzogs gemalt, 
zu fchauen. Mit der Scene, welche Raffael an der einen Wand zu fchildern 
hatte: Uebergabe einer Schrift durch den Papft an einen knienden Höf- 
ling erfcheint eine Freske verwandt, welche Melozzo da Forli einige 
Jahrzehnte früher im Vatican felbft vollendet hatte. Verfammlungen von 
Männern endlich, in welchen die Tugenden oder die Wiffenfchaften und 
Künfle Fleifch und Blut gewonnen haben, verherrlichende Darftellungen 
deriGlaubenshelclen und der Heroen der antiken Welt waren in der 
italienifchen Kunft längft eingebürgert. Das erfle grofse Werk, welches 
läaffael bei feinem Lehrer Perugino erblickte, die Fresken für die Wechsler- 
halle in Perugia, fchildertenvgeirade folche Zufammenkünfte. 
Mochte aber Raffael auch für einzelne Wandgemälde in der Stanza 
della Segnatura Anregungen in der älteren KunPr finden: ohne Vorgang 
und Beifpiel blieb Zdie tiefflnnige Gliederung des ganzen Gedankenftoffes, 
die Anordnung, welche von der vollltändigen Beherrfchung der geiftigen 
NVelt Zeugnifs ablegte. Solche umfaffende Weisheit vermuthet man nicht 
leicht in einem fchliefslich doch handwerksmäfsig erzogenen Maler. Man 
fucht daher nach den gelehrten Männern, welche Raffael hilfreich zur 
Seite ftanden, die Gegenftände der Darftellung angaben, den gewünfchten 
Inhalt der Bilder erläuterten. Dafs am Hofe ]ulius' II. Männer genug 
vorhanden waren, diefe Aufgabe zu löfen, unterliegt keinem Zweifel. 
Man mufs fogar noch einen weiteren Schritt wagen und nicht blos die 
Möglichkeit zugeben, fondern als fichere Thatfache annehmen, dafs der 
Compofltion der Bilder in der Stanza della Segnatura Unterredungen 
mit hervorragenden, poetifch angelegten und wiffenfchaftlich hochgebil- 
deten Männern vorangingen. Da aber auch nicht die leifefle Spur einer 
beftimmten Perfönlichkeit nachgewiefen werden kann, die ganze Unter- 
fuchung auf ein müfsiges Rathen und Meinen hinausläuft, fo befcheiden 
wir uns einfach mit der Nichtkenntnifs jenes Helfers. Vielleicht, dafs 
einmal ein günftiger Zufall, eine Anfpielung oder Notiz in einem Briefe 
feinen Namen enthüllt. Zwei Dinge dürfen dabei nicht vergeffen werden. 
Wir haben es in den Bildern der Stanza della Segnatura keineswegs 
mit dem Wiederfchein einer perfönlichen Anfchauung zu thun, welche, 
wie feinfinnig und geiftvoll fie auch fein mag, doch nur innerhalb der 
engen Schranken einer einzelnen Individualität gilt. Das Glaubens-
        

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