Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531826
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DIE 
DECKENBILDER 
IN 
DER 
SIXTINISCHEN 
KAPELLE. 
zufammenhängen mag, dafs die Einzelgeftalten allmählich von Gruppen 
abgelöft werden. Den Anfang aber machte er an der Altarfeite. Diefer 
zunächft fehen wir einen Mann mit läffig herabhängenden Armen und 
gekreuzten Händen, der ftarr in die Weite blickt und die tieffle Stufe 
der Troftlofigkeit verfinnlicht. Das Weib auf der linken Seite, welches 
das eine iBein auf einen Schemel gefiellt und mit vorgebeugtem Leibe 
in ein Buch blickt, und ihr Gegenbild in derfelben Lunette, der fitzende 
Mann vor einem Lefepulte, der flch zurücklehnt und über das Gelefene 
nachdenkt, führen fchon beffer in die Stimmung des Harrens und Er- 
wartens ein, welche die Propheten und Sibyllen fo energifch vertreten. 
Das zweite Lunettenpaar zeigt rechts einen alten bärtigen Pilger 
oder raftenden Wanderer mit dem breitkrämpigen Hut im Nacken, auf 
einen Stock gelehnt und eine anmuthige junge Mutter mit ihrem 
Wickelkinde auf dem Schoofse. Diefen Gruppen entfprechen links ein 
älterer Mann, der mit verfchränkten Armen geradeaus herausblickt, 
mit einer kleineren Frauengeflalt zur Seite, welche eine Schale in 
der Hand hält und das Gefxcht theilnehmend dem Hnfteren Gefährten 
zuwendet, und die alte Garnwinderin, eine köftliche Figur aus dem 
Volke, die Michelangelo auch im Skizzenbuche (mit veränderter Stellung) 
verewigt hat. 
Zwei Ruhende führt die folgende Abtheilung rechts vor: einen Mann, 
im Schlafe fo ftark vorgebeugt, dafs der Kopf die Kniee, und der fchlafi 
herabhängende Arm faft die Erde berührt, und eine Frau, welche auf 
die Stuhllehne mit einem Arm leicht {ich aufftützt und den Kopf fanft 
zur Seite neigt, wieder eine von den feltenen Frauengeftalten Michel- 
angelds, in welcher maafsvolle Schönheit und gewinnende Anmuth ver- 
körpert ift. Der Anflug von Schwermuth verleiht dem Frauenbilde einen 
noch höheren Reiz. Diefen Figuren gegenüber malte der Künftler einen 
eifrig mit Schreiben befchäftigten, in einen Mantel gehüllten mageren 
Mann und eine Frauengruppe, die am meiften an eine Caritas erinnert. 
An der Mutter klettert ein Knabe von rückwärts empor; er hat ihren 
Rücken erklommen und will {ie umhalfen. Um ihn vor dem Falle zu 
bewahren, greift die Mutter mit dem Arme nach hinten und halt ihn 
feft, indem f1e zugleich Oberkörper und Kopf ihm zuwendet. Mit dem 
anderen Arm umfafst fie einen zweiten, ihr zur Seite ftehenden, an ihr 
Knie fxch fchmiegenden Knaben. Dem Schwunge der Linien, der Kühn- 
heit der Bewegungen glaubt man die Freude Michelangelds anzufehen, 
wieder einmal ein Motiv zu behandeln, welches alle plaPcifchen Künfte 
herausforderte. Er mufste {ich in die florentiner Jahre zurückverfetzt 
fühlen, in welchen er in die Madonnenbilder mit Hilfe plaftifcher Zuge
        

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