Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531815
DIE 
LUNETTENBILDER. 
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Geitaltenkreis vollfländig zu erhalten, welcher in der V orgefchichte der 
Erlöfung vorkommt, fo heifchte wieder der in der Renaiffance bis zur 
feinften Vollendung ausgebildete poetifche Sinn, dafs alle angefchlagenen 
Stimmungen eine wirkfame Einleitung und einen beruhigenden Ausklang, 
allen hervorragenden Charaktere eine verwandte Umgebung, aus welcher 
fle fich entwickelt haben oder zu welcher Iie herabfteigen, empfangen. 
Michelangelds Propheten und Sibyllen würden durch die Mächtigkeit 
ihrerEEoGrmen, die rückhaltslofe Gewalt ihrer Empfindung das Auge be- 
drücken, wenn dasfelbe nicht vorbereitet würde und ftufenweife bis zu 
den im Ausdrucke fo gefamrnelten und zugefpitzten Sehergeitalten empor- 
Ptiege. Das iPc die Aufgabe der fogenannten Vorfahren Chrifti in den 
Lunetten. In ihnen  die Stimmung an, welche dann in den Pro- 
pheten und Sibyllen überwältigend durchbricht. Auch fie harren und 
hoffen, erwarten und ahnen „ find in dumpfen Schmerz verfunken oder 
erheben fichzu leifen Ahnungen der kommenden Ereigniffe. Nur ift 
alles allgemeiner gehalten, von einem engeren Maafse umfchrieben. Aber 
auch diefe Lunettenbilder erfcheinen noch individualiflrt, verglichen mit 
den Gruppen, welche die dreieckigen Gewölbekappen fchmücken. Mit 
einer einzigen Ausnahme verkörpern diefelben das ftille, ungebrochene 
Familiendafein, diefen feften Grund alles Lebens, diefe unvergängliche 
Wurzel alles Glückes und alles Guten im Menfchen. Eltern mit ihren 
Kindern lagern beinahe unbewegt, in ftiller ruhiger Erwartung der Zu- 
kunft. Ihnen gilt die Rettung, fle fmd der Gegenftand der Erlöfung, 
welche die Propheten und Sibyllen bereits im Geifte fehen. Alle diefe 
Gruppen und Figuren tragen zu dem majeftätifchen Gefammteindruck 
des Werkes nachhaltig bei, fie helfen wefentlich, dafs {ich der grofse 
Bilderkreis der Decke vor unferen Augen ftufenweife aufbaue und in 
feinen Wirkungen allmählich aber dann um fo flcherer fteigere. Darüber 
darf aber ihr NVerth im Einzelnen nicht vergeffen werden. 
T 
Die unerfchöpHiche Phantalie Michelangelds verPrand es hier auch 
innerhalb der engen, durch die Natur der Sache bedingten Grenzen, in 
Bewegungen, in Haltung und Ausdruck eine überrafchend grofse Mannig- 
faltigkeit zu erzielen. Das Oxforder Skizzenbuch giebt von der immer 
frifchen Geftaltungskraft des Künftlers den beften Beweis. Nur zwei 
Regeln fcheint er als bindende Schranken für {ich aufzuftellen. Er leiht 
gern den gegenüberfitzenden Gruppen verwandte Zuge und trägt im 
Fortgang der Schilderung hellere Stimmungstöne auf, Womit es
        

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