Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531790
DIE 
ZXVICKELBILDER. 
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zu heben. Das Knäblein aber im Hintergründe auf den Schultern des 
Vaters greift fröhlich und muthig nach dem Kopfe des Erzbildes. 
Wenn die Schilderung des Wunders der ehernen Schlange vorzugs- 
weife die plaftifche Phantafie Michelangelds befriedigen mufste, der {ich 
durch die ixiienige Jahre zuvor ausgegrabene Laokoongruppe in feiner 
NVeife nicht beirren liefs, fo bot ihm das letzte Zwickelbild, Haman's 
läeftrafung, günftigften Anlafs, feine Meifterfchaft in der dramatifchen 
Dispofltion einer Handlung zu bewähren. Wie bei dem Judithgemälde, 
fo beobachtet Michelangelo auch hier die Dreitheilung. In dem Gemache 
rechts ruht .-Xhasver, von Kämmerern umgeben. Einer derfelben hat 
ihm aus den Chroniken von Mardochafs Verdienften gelefen. Der König 
erhebt fich und winkt einem Diener, Mardochai, der auf der Schwelle 
des Gemaches fitzt. die gebührende Ehre zu erweifen. Das alles ift in 
fo einfach grofsen Zügen gezeichnet, fo frei von allen kleinlichen Zu- 
falÜgkeiten gehalten, fo glücklich in ein heroifches Zeitalter zurück ver- 
legt, wie Aehnliches nur die höchfle und zugleich naivfte Poefle zu fchaffen 
vermochte. In dem Gemache links fehen wir, wie der König mit Haman 
zu dem Mahle kam, das die Königin Efther zugerichtet hatte. Nur diefe 
drei Perfonen fitzen am Tifche, Ahasver im Hintergründe, der Königin 
gegenüber Haman, der entfetzt zurückfahrt, als Efiher auf ihn als den 
Feind ihres Lebens und ihres Volkes mit zorniger Geberde weifl. Die 
gerechte Strafe ereilt ihn in der mittleren Abtheilung. Er ift an das 
Kreuz gefchlagen und leidet fichtlich mehr noch als Körperfchinerzen 
die bitterften Seelenqualen. Hamans Gefialt wurde fchon von den 
Zeitgenoffen des Künftlers als ein Meifterwerk der Verkürzung gepriefen. 
Die Bilder der Mitteldecke, die Darftellilngen in den Gewölbe-Ecken, 
die Propheten und Sibyllen fchöpfen ihren Inhalt und haben ihre Wurzeln 
in den Erzählungen der Bibel und in Legenden. Sie befitzen ein ebenfo 
entfchiedenes hiitorifches Gepräge, wie andererfeits die Einzelgefialten 
auf den Poflamenten, die Figuren am Piufsenrande der Gewölbekappen, 
die Kinderpaare neben den Propheten, die Träger der Infchrifttafeln 
unter ihnen ausfchliefslich nur auf decorative Geltung den Anfpruch er- 
heben können. Sie leben von den fgrmellen Reizen, welche ihnen der 
KünPcler mit freigebigfter Hand- verliehen hat. Sie danken feiner Phan- 
tafie ganz allein das Dafein, und wie Iie vor jener niemals befianden, fo 
können fie überhaupt aufserhalb derfelben gar nicht gedacht werden. 
Sie find der reine künftlerifche Schein, ohne den geringften fiofflichen
        

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