Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531762
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V. DIE DECKENBILDER 
IN 
DER 
SIXTINISCHEN 
KAPELLE. 
reiche, unendlich ergreifende Gefchichte. Bilder des jammers und 
Kummers ziehen an dem einfamen Manne unaufhörlich vorüber, zer- 
trümmerte Hoffnungen, vereitelte NVünfche, vernichtete Ideale. Sie laften 
fchwer auf dem Gemüthe, drücken den Kopf herab und laffen den fonft 
doch Prahlharten Körper ermüden. Unwillkürlich fuchen die einzelnen 
Glieder nach einer ruhigen Lage. Die Beine lind gekreuzt, der Ober- 
körper vorgeneigt, der Kopf geftützt. Aber alles umfonft; der Friede 
kommt nicht und auch die Ruhe nicht. Rafilos hämmern die Gedanken 
und pochen die herben Empfindungen. Gerade diefe innere verhaltene 
Gluth bei dem Scheine äufserer Ruhe wirkt fo mächtig und weckt das 
tieffie Mitgefühl mit dem unfeligen Manne, den das Schickfal nicht ge- 
brochen aber auf das Tieffte erfchüttert hat, und der nur noch auf dem 
Grabe feiner liebften Hoffnungen leben foll. Es ift dasfelbe Witgefühl, 
das auch die begleitenden Genien ausfprechen. Auch fie neigen das 
Haupt, fenken den Blick und verharren in fiiller Theilnahme. Welche 
Geheimniffe, welche unausfprechlichen Gedanken mag wohl der Künftler 
in diefe Linien hineingelegt haben. Wir wiffen es nicht, obgleich wir 
unwillkürlich an leife perfönliche Beziehungen, an den Wiederfchein 
unmittelbarer Erfahrungen denken möchten. Das eine aber ift gewifs, 
dafs die Geflalt des Jeremias es Michelangelo angethan hat, und er fie 
feitdem niemals wieder völlig aus dem Sinne verlieren konnte. Was er 
fchuf, immer fchwebte ihm dabei die Erinnerung an jeremias vor und 
klang die Stimmung, in welche ihn die Geftalt des Propheten verfetzt 
hatte, leife mit. Der Ieremias birgt den Keim zum Mofes des Julius- 
denkmales in {ich und zu den Hauptftatuen der. Mediceergräber. 
jeder Prophet und jede Sibylle laden zum Verweilen ein und fcheinen 
dem Betrachter ein Halt zuzurufen. Was kann es auch Lockenderes 
geben, als llCll in die unendliche Tiefe des Lebens und der Schönheit, 
die aus jeder einzelnen Geftalt fpricht, zu verlieren? Und dennoch giebt 
es etwas noch Herrlicheres und das ift: der fchöpferifchen Kraft, die 
üch nie genug thut, immer neue Offenbarungen bereit hält, immer wieder 
durch die Fülle und Fruchtbarkeit der Phantafie überrafcht, zu folgen. 
Und fo bietet auch die Sixtina das genufsvolle Schaufpiel, dafs die 
Wirkung des einen Werkes Pcets noch durch die vergleichende Betrach- 
tung des andern erhöht wird, dafs man in jedem Augenblicke glaubt, 
hier die Grenze der Begabung des Künftlers erreicht zu haben und im 
nächften doch wieder neue Seiten an ihm entdeckt, die feflgefteckten
        

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