Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531749
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DIE 
IN 
DECKENBILDER 
DER 
SIXTINISCHEN 
KAPELLE. 
er den aufmerkfamen Blick richtet. Der energifche, auf Thaten bedachte 
Kopf n1it dem kräftigen Zuge um den Mund, der hohen, kahlen Stirn, 
dem reichen bufchigen Haare am Hinterhaupte fagt uns, dafs die er- 
forfchte Wahrheit einen tapferen Vertreter in dem Propheten finden 
werde. Für den felbftändigen Mann ift auch die Gewandung bezeichnend: 
er hat {ich diefelbe fo zurechtgelegt, dafs f1e ihm die bequemfle Lage 
geftattet, den Mantel lofe tungeworfen und über die Kniee in leichte 
Falten gezogen. Er bedarf ferner der begleitenden Genien nur im 
geringen Maafse. Sie nehmen an der Handlung keinen Theil, treten zu 
der Hauptgeftalt in keine engeren Beziehungen, ftehen als blofse Füll- 
tiguren fymmetrifch einander zugekehrt zu beiden Seiten des Propheten. 
Ganz anders erfcheint ihre Rolle auf dem nächften Bilde, welches die 
erythräifche Sibylle (Fig. 57) darflellt. Hier iPc ein Knabe damit 
befchäftigt, mit einem Holzbrand eine Lampe zu entzünden, welche die 
Sibylle erleuchten foll. Diefe, eine jugendliche Geftalt, ift im läegriff, einige 
Blätter in dem feitwärts aufgelegten Buche umzuwenden. Nur ein 
leichtes, ärmellofes Hemd bedeckt den Oberkörper, fo dafs die muskel- 
ftarken Arme vollltändig f1chtbar werden; der Mantel iPt leicht über die 
gekreuzten Beine geworfen, die ganze Haltung erfcheint frei von jeder 
Spur innerer Erregung. 
Um fo mächtiger macht fich diefelbe bei dem benachbarten 
Ezechiel geltend. Er hat die Rolle, in welcher er gelefen, zur Seite 
gefchoben, hält f1e nachläfligin der herabhängenden Rechten. Mit der 
anderen demonftrirt er in heftiger Weife. Ein Engel oder Genius, älter 
aufgefafst als die meiften anderen begleitenden Figuren, von vollendeter 
Schönheit der Formen hebt beide Hände in die Höhe und weift mit 
ausgeftrecktem Finger nach oben. Ihm wendet der Prophet das fcharf- 
gefchnittene, bärtige Geflcht zu und bemüht fich mit Hand und Mund, 
ihm eine Wahrheit recht eindringlich zu machen. Mit dem leidenfchaft- 
liehen Kopfe ftimmt vortrefflich die Kleidung Ezechiells, das fhawlartig 
über die Schulter geworfene Tuch, deffen gefranfte Enden im Winde 
flattern, der wuchtige Mantel, die Verhüllung der Haare durch eine 
Binde, wodurch in Verbindung mit dem eigenthümlichen Profil der 
Eindruck des Fremden, des Morgenländifchen verftärkt wird. 
Als ob keine Welt aufser ihr vorhanden wäre, fo vollftändig in f1ch 
vertieft und verfunken erfcheint die nachfolgende perf i f che Sibylle. 
Matronenhaft in denZügen wie in der f1e ganz verhüllenden Tracht, 
wendet f1e das Geficht von dem Befchauer ab und hebt das Buch dicht 
vor die Augen, um darin zu lefen. 
Auch die letzte Prophetenfigur, jeremias (Fig. 58), drückt die
        

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