Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531720
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DECKENBILDER 
DIE 
IN 
DER 
SIXTINISCHEN 
KAPELLE. 
Arm {tützt fich zu gröfserer Bequemlichkeit auf die Stuhllehne, der 
andere hält noch das Buch. Das Bild des ftillen, in die innerfte Geiftes- 
welt verfunkenen Denkers wäre vollkommen, wenn nicht die Richtung 
des Kopfes und der Blick eine plötzliche Störung verriethen und eine 
Aenderung der Stimmung andeuteten. 
Die Reihe der Geftalten auf der linken Langfeite fchliefst die del- 
phifche Sibylle ab. (Fig. 56.) In einem Augenblicke glücklichfter In- 
fpiration gefchaffen, offenbart diefes Bild den Höhepunkt des Meifters in 
einem Kreife der Darfiellung, den er nur felten betrat. Kräftig {ind die 
Glieder und mächtig die Formen auch der delphifchen Sibylle, doch über- 
fchreiten {ie nicht das Maafs der weiblichen holdfeligen Natur. Sie ift mit 
einfach menfchlicher Schönheit gefchmückt, {ie ergreift nicht durch titanifche 
Gröfse und betäubt auch nicht durch ungewöhnliche Verhältniffe. Während 
der fie begleitende Genius im Buche der Zukunft eifrig lieft, "hat die 
kommende Zeit für die Sibylle bereits Körper und Leben gewonnen. 
Durch keine heftiger-e Bewegung äufsert {ich das Innewerden einer 
aufserordentlichen Erfcheinung. Der eine Arm ruht läffig im Schoofse, 
der andere, quer vor die Bruft gelegt, hält eine Rolle, welche aber 
völlig unbeachtet bleibt. 1m Kopfe allein fpiegelt {ich die Viflon, welche 
der "Prophetin geworden ift, wieder. Der Mund ift leife geöffnet, das 
ftrahlende Auge mächtig erweitert, als könnte die Sibylle einen Laut 
deriBewunderung nicht unterdrücken, als müfste {ie die ganze Offen- 
barung umfaffen. Wie alle anderen Sibyllen trägt auch die delphifche 
das Haar umhüllt; doch quillen unter dem dünnen Schleier Locken 
hervor, deren leichtes Wehen von der inneren Erregung Kunde giebt. 
Dem Jonas gegenüber auf der Eingangsfeite ift der Prophet Zacha- 
rias gemalt. Der Gegenfatz zwifchen den beiden Geftalten ift giewifs 
vom Künftler mit Abficht fo ftark betont worden. Während bei jonas 
alles Bewegung und Leidenfchaft ift und nach aufsen ftrebt, erfcheint 
der greife, langbärtige, kahlköpfige Zacharias als eine innerlich beruhigte 
und gefammelte Perfönlichkeit. Er blickt, den Kopf in ein fcharfes 
Profil gefiellt, in das Buch, in welchem er blättert, ohne irgend eine 
Spur der Erregung zu verrathen. Auch das baufchige Gewand, das 
den ganzen Körper verhüllt, contraftirt auffallend mit der Nacktheit des 
Jonas. Michelangelo forgte übrigens dafür, dafs das Auge nicht allein, 
wenn es die gegenüberfitzenden Geftalten betrachtet, an der Mannig- 
faltigkeit der Schilderung {ich freue, fondern dafs es auch bei benach- 
barten Figuren den Eindruck rhythmifchen Wechfels erfahre. 
Es folgt, der erfte auf der rechten Langfeite, auf Zacharias der 
Prophet ]o el. Er hält eine Bücherrolle vor {ich ausgefpannt, auf welche
        

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