Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531624
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DIE 
DECKENBILDER 
DER 
KAPELLE. 
SIXTINISCHEN 
gefüllt und ein trefflicher Uebergang gewonnen zu der milden Majeflät, 
welche Gottvater im vierten Bilde, der Erfchaffung Adam's, offenbart. 
(Fig- 51-) . 
Auf weit gefpanntem Mantel, von einer Engelfchaar getragen und 
geftützt, fchwebt jehova durch die Lüfte, Adam entgegen. Den einen 
Arm hat Gottvater um den Nacken eines Engels, der abermals auffälliger 
VlNeife Frauenzüge trägt, gefchlungen, den andern hält er ausgeitreckt, 
mit dem Zeigefinger beinahe Adam berührend, welcher auf den Wink 
und durch den Blick des Schöpfers zum Leben erweckt wird. Diefes 
Bild ift das berühmtefte und mit Recht gepriefenfte der ganzen Reihe. 
Dafs Michelangelo die Darftellungen Ghibertfs und Quercias (Portal von 
S. Petronio in Bologna) bei der Compofition vor Augen hatte, vermindert 
nicht fein Verdienft. Gerade die Vergleichung lehrt die höhere Künftler- 
natur lVlichelangelds am betten kennen. Es hält fchwer zu beltimmen, 
welche Geftalt die gröfsere Bewunderung verdient, ob die vollendet 
kräftige, dabei liebevolle ]ehova's oder jene des Urmenfchen, der wie 
aus tiefem Schlafe langfam erwacht und noch den Druck des Traumes 
nicht völlig abfchütteln kann. Adam hat {ich mit dem Oberleibe erhoben, 
Pcemmt {ich dabei auf den rechten Arm und ftützt {ich auf das gekrümmte 
linke Bein. Den anderen Arm ftreckt er aus; doch nicht ganz frei; der 
Ellenbogen ruht noch auf dem Knie, die Hand hat fich unwillkürlich 
ein Wenig gefenkt. Nur den Zeigefinger hält er empor, dem Zeigefinger 
]ehova's entgegen, und durch diefe Berührung ftrönit Leben in den 
Körper, hebt fich die Bruft zu freiem Athem und dringt die Seele in 
das Auge, das nun Dank und Hingebung dem Schöpfer ausfpricht. 
Das nächftfolgende, das fünfte Bild, ift der Schilderung, wie Eva 
aus der Seite Adam's gefchaffen wurde, gewidmet. (Fig. 52.) Gottvater, ein 
würdiger Greis, in einen weiten Mantel gehüllt, winkt Eva mit ermun- 
ternder Geberde fich zu erheben. Hinter Adam, der mit {anft gelöften 
Gliedern in tiefem Schlummer liegt, lteigt das Weib empor. Sie hält 
{ich vorgebeugt, hat die Hände gefaltet und die Lippen geöffnet und 
betet dankbar ihren Schöpfer an. Eva's Geitalt legt Zeugnifs davon 
ab, dafs Michelangelo auch der Frauenfchönheit gerecht werden konnte 
und die anmuthigen Formen des weiblichen Körpers mit der gleichen 
Vollendung wiederzugeben verftand, wie die übermenfchliche Gröfse und 
urkräftige Erhabenheit ]ehova's. Noch deutlicher enthüllt diefen Zug 
feinerqPhantafie das echßgegFeld, in welchem zwei Scenen vereinigt 
findt der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradiefe. 
Der. Baum der Erkenntnifs mit der Schlange theilt das Bild. Aus 
den Ringen der Schlange wächft der (weibliche) Körper des Verführers
        

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