Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531528
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DIE 
DECKENBILDER IN DER SIXTINISCHEN KAPELLE. 
 
für fich behielt und auch nicht den geringfien Strich machte, Welcher 
das Schwanken und Gähren, das Rathen und Wagen im Künftler ver- 
rathen, den Tadel des Unreifen hervorgerufen hätte. Es find meifi nur 
2 Zoll hohe Figürchen, mit der Feder nur gekritzelt, und dennoch geben 
fie die charakteriliifche Bewegung der Riefengeftalten der Decke deutlich 
wieder. Das Wunderbarfie dürfte die Darftellung Gott Vaters, der das 
Licht von der Finliernifs fcheidet, fein. Trotz aller Kleinheit der Ver- 
hältniffe erkennt man die majeftätifche Kraft Jehova's, der wie im Sturme 
das Chaos durchfauPc. Die Mehrzahl der in augenblicklicher Erregung 
der Phantalie hingeworfenen Figuren läfst {ich an der Decke nachweifen; 
aufser dem Weltfchöpfer f kizzirte er Propheten, Sibyllen und insbefondere 
mehrere aus jener Reihe von Geftalten, die unter dem Namen: Vorfahren 
Chrifli gehen. Dabei beobachtete er häufig auch den räumlichen Zu- 
fammenhang der Gruppen und vereinigte auf einem Blatte, was an der 
Decke benachbarte Felder einnimmt. Aus dem Zwecke und der Natur 
eines ßMemorialea, was ja das Skizzenbuch ohne Zweifel war, ergibt fich, 
dafs die Zeichnungen nicht gleichzeitig find, fondern {ich auf die ganze 
Arbeitsdauer vertheilen. Immerhin dürfen einzelne mit gutem Grunde 
noch in das erfte Jahr der Arbeit verfetzt werden. Weit in der Aus- 
führung iPc er in demfelben nach eigenem Geftändnifs nicht gekommen. 
Am 27. Januar 1509 fchrieb Michelangelo feinem Vater: ßIch habe 
den Kopf ganz voll. Denn es ift (beinahe) fchon ein Jahr her, dafs ich 
vom Papfte auch nicht einen Grofchen erhalten habe, und ich fordere 
auch nichts, weil meine Arbeit nicht fo weit vorangeht, dafs fie Bezahlung 
verdiente. Daran trägt die Schwierigkeit der Arbeit fchuld und dann, 
dafs fie nicht mein Beruf ift. So verliere ich nur meine Zeit ohne 
Nutzen. Gott helfe mirlrr 3') Vielleicht läfst {ich noch an dem lxVerke 
felbft der Grund diefer Empfindung des Ungenügens nachweifen. Auch 
Condivi weifs von Michelangelds Unzufriedenheit bald nach dem Beginn 
der Arbeit zu erzählen und erklärt iie aus der technifchen Unerfahrenheit 
des Meifiers, welcher den Schimmelüberzug der Farben nicht zu ver- 
meiden verfiand. Jedenfalls hat Michelangelo die Spuren davon voll- 
ftändig zu verwifchen gelernt. Man bemerkt aber aufserdem an den 
einzelnen Deckenbildern einen plötzlichen Wechfel des Mafsftabes. 
Michelangelo gab anfangs den Figuren nur die natürliche Lebensgröfse. 
Erft als er drei Bilder vollendet hatte,  dafs diefe Bilder zu den 
früheften gehören, beftätigt Condivi  fcheint er fich von der geringeren 
Wirkung diefes Mafsftabes überzeugt zu haben und wählte für die 
Milaneü, 
Lett.
        

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